Wo sonst Kataloge verkauft werden, kann der Besucher jetzt auch einen flachen Pappkarton erwerben. Aber was in diesem Wunderkasten, auf dem ein paar Krähenfüße in die Schrift „Richard Tuttle – Sprengel Museum“ hineinzulaufen scheinen, alles drin ist! Ein Ringheft mit Text und Zeichnungen von Tuttle, ein „Einleitung“ genanntes Heft einer vorangegangenen Düsseldorfer Ausstellung (die in die hannoversche hineingehört), ein Leporello mit Arbeiten der Ausstellung, ein kleines Auflagenobjekt aus Pappe, ein, nun doch, Katalog.

Kinder lieben so etwas. Und Erwachsene, die sich an die Zeit der großen Mini-Freuden erinnern können, auch. Und sind damit bereits auch im Kopf auf dem Weg durch die Ausstellung von Richard Tuttle, die mit dem Wunder-Pappkarton genau richtig eingeleitet und ergänzt wird. Ein Katalog-Klotz wäre hier noch unangebrachter, als er es ohnehin meistens ist. Denn die Kunst von Richard Tuttle kommt nicht mit dem Vorschlag-Hammer daher. Sie hat eher die Konstitution eines Aphorismus: taucht mal hier auf und mal da, zart, aber bestimmt, ein Kommentar (zum Raum, zur Umgebung, zur Wand) und keine Behauptung.

Mit Installationen von Drahtstücken und zarten Wandzeichnungen hatte Tuttle, 1941 als Amerikaner geboren, in den siebziger Jahren zum erstenmal auf sich aufmerksam gemacht. Über Achtecke gespannte Leinwandflächen, kleine Objektformationen, Aquarellzeichnungen folgten, vom Spektakulären und Spekulativen immer gleich weit entfernt. Kunst zum Mitnehmen: Auf der documenta ’82 verschwanden zwei kleine Zeichnungen. Und trotz der inzwischen größer gewordenen Objekte (einige scheinen in der hannoverschen Ausstellung von der Wand auf den Boden gerutscht) und der Erweiterung und Erheiterung des Farbspektrums ist Tuttle, dessen anfänglich eher strenger Puritanismus ihm das Etikett der Minimal Art einbrachte (was nichts mit der Dimension seiner Arbeiten zu tun hatte), immer noch und wieder auf dem ursprünglichen Weg, stellt immer noch und wieder die gleiche Frage nach dem Wechselspiel von Kunstwerk, Raum, Betrachter.

Seine Stücke, so hat die amerikanische Kuratorin Marcia Tucker gesagt (die 1975 seine erste Einzelausstellung am Whitney Museum in New York ausrichtete), sähen vor oder nach der Installation nach nichts aus. Sie brauchen den Auftritt, gerade weil sie so unpompös sind. Sie kommen entweder reihenweise, als Serie, wodurch ein Blatt, ein Stück Begleitschutz ist und Variante. Oder sie sitzen in einer völlig fremden Umgebung, als Irrläufer und Stachel, Kompliment und Widerpart. So jedenfalls funktioniert die Ausstellung in Hannover, wobei die eine Methode in die andere übergeht. Auf diese subtil subversive Weise ist Tuttle in vielen Räumen des Museums präsent, ohne seinerseits das Haus von anderer Kunst entleert oder durch Umbaumaßnahmen auf sich aufmerksam gemacht zu haben.

Vierzig kleine Zeichnungen für „40 days“, alle aus demselben Ringbuch getrennt und im Silberrahmen, machen den Anfang: Mit dem Bleistift gezogene Liniengewebe, Wucherungen, Schraffuren, durch einen Aquarelltupfer eweils sparsam akzentuiert. Größere Aquarelle folgen, hingewischte Pinselstriche auf weißem Papier, die Rahmen, Gold oder Silber, haben gelegentlich seltsame Kreuzformen. Dann, in einer Ecke, an einer Beformen. im Zwischenstock, Boden-Wand-Stücke aus bunten Resten, Boden-Holz, und einer Neonröhre. Schließlich, in den unteren Sammlungsräumen, Apercus zu den Klassikern der Moderne.

Über Max Ernsts „La main verte“ und der von Ernst bemalten Tür aus dem Hause Eluard ist eine zartfarbige Schmetterlingsform montiert. Neben Picassos „Drei Frauen“, einem kapitalen Werk des frühen Kubismus, hängt ein lockeres Gebilde aus aufgereihten Glühbirnen und Fundstücken mit dem Titel „Done by women not by men“. Neben dem minutiösen Elternbild von Otto Dix hängt ein Aquarell, silbergerahmt. In den Raum der Beckmann-Bilder hat Tuttle sich nicht gewagt. Aber natürlich mußte er, der öfters nach Hannover kam, um sich mit dem Museum vertraut zu machen, die Herausforderung der Stadt von Kurt Schwitters annehmen.

Um es gleich zu sagen: Im Raum der Collagen und Objekt-Collagen von Kurt Schwitters kann eine unter Plexiglas montierte Reihe kleiner quadratischer Material-Objekte von Tuttle leider nur den kürzeren ziehen. Neben dem Caspar David Friedrich der Collage (ein gern zitierter Ausspruch vom Schwitters-Freund Richard Huelsenbeck) machen Tuttles bunte Zierlichkeiten ihn zum Raoul Dufy der Collage. Und das liegt nicht nur daran, daß Schwitters schon Patina angesetzt hat.

„Ich mag das Nicht-Dauerhafte: Dinge, die vergehen, nichts belasten. Die Leute mögen die Dinge, die beständig sind; ich mag Dinge, die vergehen“, hat Tuttle einmal gesagt. Weniger ist mehr. Eine Kopf und Augen erfrischende Attitüde, auch wenn nicht jeder Anlauf, den er nimmt, zum großen Ergebnis führt. (Sprengel Museum bis zum 19. August; Katalogkassette 48 Mark) Petra Kipphoff