Von David Marsh

BONN. – Ohne den wirtschaftlichen und politischen Erfolg der Bundesrepublik in den vier Jahrzehnten, in denen sie eindeutiger Teil des Westens wurde, wäre die deutsche Wiedervereinigung nicht möglich geworden. Ist es denkbar, daß das Abenteuer der Einheit nun die in vierzig Jahren der Trennung gewachsene innere Stabilität, die Demokratie und den Wohlstand, unsicher werden läßt? Die Frage ist unangenehm, sie muß dennoch gestellt werden.

Bundeskanzler Kohl würde erwidern, der Ausgangspunkt dieser Frage sei Unsinn. Nach seinem Verständnis ist Westdeutschland durch die Erfolge der vierzig Jahre politisch ausreichend gereift (und wohlhabend genug dazu), im die Herausforderungen zu bestehen, die sich mit der Ausweitung der parlamentarischen Demokratie und der Marktwirtschaft auf das Gebiet östlich der Elbe stellen.

Manches spricht in der Tat für diese Auffassung. Die Bundesrepublik ist heute mit Verhältniswahlrecht, föderalen Strukturen, betrieblicher Mitbestimmung und all den eingebauten Kontrollen staatlicher Macht (zum Beispiel der Unabhängigkeit ihrer Zentralbank) – in vieler Hinsicht ein demokratischeres Land als etwa Großbritannien und wirtschaftlich ungleich erfolgreicher. Den Nachkriegsregeln der Demokratie hat sich die Bundesrepublik erstklassig angepaßt. Sie müßte deshalb auch die besten Voraussetzungen haben, sie erfolgreich ostwärts zu exportieren.

Um Europas und Deutschlands willen muß man den Deutschen dafür von Herzen Glück wünschen. Es gibt ja kaum eine Alternative zu dem jetzt begonnenen Experiment. Aus verständlichen Gründen drängen die Ostdeutschen auf rasche Vereinigung. Und die westlichen Verbündeten haben keine andere Wahl, als sie dabei zu unterstützen: Im Deutschlandvertrag der fünfziger Jahre verpflichteten sie sich schließlich, ein freies und vereintes Deutschland nach Kräften zu fördern – was Mrs. Thatcher zeitweilig übersah.

Und dennoch gibt es eine Reihe triftiger Gründe, mit der abschließenden Beurteilung vorsichtig zu sein. Denn das vereinte Deutschland wird anders aussehen als die Bundesrepublik. Wenn der DDR die Medizin des Marktes verabreicht wird, kann dies nicht ohne erhebliche Belastungen geschehen. Die Einführung der D-Mark bedeutet Schmerz und Freude zugleich. Im vereinten Deutschland ist die Gefahr wirtschaftlicher und sozialer Polarisierung ungleich größer, als es je in der Geschichte der Bundesrepublik war – vor allem dann, wenn die Weltwirtschaft nach acht Jahren des Aufschwungs in eine schwierige Phase eintritt. Zugleich sind die Deutschen in Ost und West auf die Verschmelzung ihrer zwei völlig verschiedenen Systeme einfach nicht vorbereitet. Beides zusammen muß das Funktionieren der Demokratie im neuen Deutschland erheblich belasten.

Trotz der Kriegszerstörung und der zwölf Jahre Nazireich war Deutschland 1948, also zur Zeit der Währungsreform, immer noch von der Tradition freien Unternehmertums geprägt; die Zeiten liberaler Demokratie lagen erst anderthalb Jahrzehnte zurück. Die DDR dagegen ist 57 Jahre lang nach totalitären Maßstäben regiert worden.