Wo das Rauschen des Meeres die Ohren taub brüllt, fanden die Dichter ihre Sprache

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Der Dichter im letzten Jahrhundert: "Zur Linken hatte ich jetzt schon seit über einer Stunde die öde, bereits von allem Vieh geleerte Marsch, zur Rechten, und zwar in unbehaglichster Nähe, das Wattenmeer der Nordsee; zwar sollte man vom Deiche aus auf Halligen und Inseln sehen können, aber ich sah nichts als die gelbbraunen Wellen, die unaufhörlich mit Wutgebrüll den Deich hinaufschlugen..." So weit Theodor Storm, so weit auch heute noch gültig: zur Linken die Marsch, zur Rechten das Wattenmeer und ein reisender Mensch dazwischen auf dem Deich. Allerdings nicht auf wieherndem Roß wie weiland der Schimmelreiter (auf dem Deich ist "Reiten verboten"), sondern auf einem quietschenden Fahrrad. Und vielleicht lag’s ja an dieser Kleinausgabe eines sportiven Fortbewegungsmittels, daß das Meer sich indigniert zurückgezogen hatte: nichts als Schlamm und Tümpel, glitzernd in der schrägen Nachmittagssonne, voller Vögel mit langen spitzen Schnäbeln, die sich Würmer und anderes Krabbelgetier aus dem Schlick fischten. "Ebbe", wußten die Einheimischen, die Reisende aber, Storm im Gepäck und Bilder von wütenden Wogen im Herzen, blätterte irritiert in der 1000-Seiten-Sonderausgabe nach dichterischen Referenzen fürs Unerwartete. Na bitte:

Ans Haff nun fliegt die Möve

Und Dämmrung bricht herein;

Über die feuchten Watten

Spiegelt der Abendschein.