Heute tröpfelt es beim Direktor des Stadtbezirksgenchts aus der Decke, immer an der Lampe lang. Wahrend die Gattin im Flur den Laufer aufrollt und Plastikeimer aufstellt, hastet Uwe Weitzberg zu den Nachbarn nach oben Richtig, deren Waschmaschine lauft gerade aus Ob da oben das Wasser nun aufgewischt wird, bezweifelt er In diesem Haus weiß man das nicht so genau.

Es ist ein altes Mietshaus im Stadtteil Fnednchsham, und vor einigen Wochen klingelte es bei den Weitzbergs an der Tür Ein Nachbar von unten, der schon mehrfach auf Alkoholentzug war, erklarte, er habe gerade zwei Dutzend Schlaftabletten geschluckt Da konnte die Frau des Direk tors des Stadtbezirksgerichts Berlin Mitte nur sagen "Nun legen Sie sich mal hm, ich rufe den Notarzt an Der Mann wurde gerettet Die beiden Kinder, die im Durchgang zwischen Wohn- und Schlafzimmer herumtoben, sind fünf und sieben Jahre alt Seit Jahren versucht die Fa mihe, aus der Zweiemhalbzimmerwohnung herauszukommen Er hat seinen Schreibtisch im Wohnzimmer, wenn sie, Rechtshistonkenn an der Humboldt Universität, für ihre Habilitation über "Die Entstehungsgeschichte des modernen Kapitals" Bucher über Eisenbahn Aktiengesellschaften, GmbHs und Handelsrecht studieren will, muß sie sich an den Kuchentisch zurückziehen "Glauben Sie denn", fragt Uwe Weitzberg, "ein kiemer Richter hatte m diesem Land eine bessere Wohnung bekommen"

In seinem Büro m dem wilhelminischen Justizklotz an der Littenstraße, schräg hinterm Roten Rathaus, quillt der Papierkorb über Seit einigen Wochen kommt die Putzfrau nicht mehr Zivilund Famihennchter Uwe Weitzberg, nebenher auch Vorsitzender des im Frühjahr gegründeten Richterbundes der DDR, muß selbst saubermachen

Justitia hatte nie einen guten Stand m der DDR, und der soziale Status ihrer Diener ließ sehr zu wünschen übrig - wenn sie nicht gerade Justizmimster waren Ein Richter am Kreisgencht, der ersten Instanz, verdiente weniger als ein Schichtfacharbeiter etwa 1000 Ostmark netto Je nach Dienstalter, "Erledigungsquote und Qualität der Urteile", wie es in der "Kaderabteilung" des Justizministeriums heißt, durfte man Aufschlage von 200, 300 Mark erhoffen - die natürlich auch wieder zurückgenommen werden konnten, wenn die sozialistische Qualität der Urteile nachließ Und wer gleich m die oberen Regionen der DDR Besoldung aufsteigen, wer also soviel haben wollte wie ein leitender Parteifunktionär, ein Kunstler, Fleischer oder Barkeeper, mußte sich entweder ms Oberste Gericht hochdienen oder Rechtsanwalt werden

Ob man aber Richter oder Staatsanwalt, Rechtswissenschaftler, Rechtsanwalt oder Justitiar bei einem Wirtschaftsunternehmen werden durfte, entschieden staatliche Lenkungskommissionen schon vor und wahrend des Studiums Um überhaupt studieren zu dürfen, empfahlen sich ein SED Parteibuch, Mitarbeit m den "Massenorganisationen" und, bei den Mannern, statt der eineinhalb Jahre bei der Nationalen Volksarmee, ein dreijähriger Waffendienst "Die Bewerber für das juristische Studium", verlangte Kurt Wünsche 1969 in seiner ersten Amtszeit als Justizminister vor "Führungskadern" aus der Justiz, "müssen sich durch hohes sozialistisches Bewußtsein, gesellschaftliche Aktivität, politisch moralisch untadeliges Verhalten, Lebensreife, gefestigtes marxistisch leninistisches Wissen und gute Allgemeinbildung auszeichnen "

"Wer Westverwandtschaft hatte, konnte nicht Richter oder Staatsanwalt werden, und wer ne große Fresse hatte, auch nicht", sagt jetzt der Berliner Rechtsanwalt Friedrich Wolff, Honeckers Verteidiger. Widerspruchsgeist war, natürlich, nicht erwünscht. Die Zahl der Rechtsanwälte hat sich nach der Wende von rund 600 auf 1250 erhöht, die der Richter und Staatsanwälte hat abgenommen. Von den 1200 Planstellen der Staatsanwälte sind nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft der DDR 200 unbesetzt; wie viele der rund 1500 Richterstellen tatsächlich besetzt sind, weiß man im Justizministerium nicht "Wir operieren immer mit dieser Zahl 1300", sagt der stellvertretende Leiter der Pressestelle, Gerd Höhlig.

Justitia in der DDR, Hammer und Zirkel schwingend, schwankt heute auf das vereinte Deutschland zu. Welche Gesetze und Prozeßvorschriften gelten, wenn er morgens aufsteht, weiß Richterbund Vorsitzender Weitzberg nie genau. Er ist auf Zeitungslektüre angewiesen. Was aus den Richtern und Staatsanwälten wird, die jahrzehntelang dem Unrecht gedient haben, scheint auch noch offen. Nur die Rechtsanwälte dürften in der mit Verteidigern chronisch unterbesetzten DDR einer einigermaßen gesicherten Zukunft entgegensehen.

Wer überlebt, wird sich auf ein ganz anderes System umstellen müssen: den Rechtsstaat. In der DDR der SED und ihrer Blockparteien herrschte die "Sozialistische Gesetzlichkeit", die das offizielle "Kleine Rechtslexikon" als "eine Methode der Leitung sozialistischer Gesellschaftsverhältnisse mit den Mitteln des Rechts" definierte. Mit anderen Worten: Richter, Staatsanwälte, Schöffen hatten sich bei der Rechtsprechung dem Aufbau des Sozialismus unterzuordnen, ihren Beitrag zur Festigung der Arbeiter und Bauern Macht zu leisten. Und die Rechtsanwälte hatten "zur Entwicklung des sozialistischen Staats- und Rechtsbewußtseins der Bürger" beizutragen, wie die Neue Justiz postulierte, bis zur Nummer 1289 noch eine "Zeitschrift für sozialistisches Recht und Gesetzlichkeit", seit Nummer 190 "Zeitschrift für Rechtsetzung und Rechtsanwendung". Herausgeber: das Ministerium der Justiz.

Die sozialistischen Gesellschaftsverhältnisse wurden auf vielfältige Weise verteidigt: mit den Mitteln des Strafrechts, aber auch des Arbeitsund Familienrechts. Hinter Gittern verschwanden Oppositionelle und, Jahr für Jahr, Tausende, die aus der Republik fliehen wollten - aber auch Menschen, die nicht arbeiten wollten oder der Prostitution nachgingen, was nach dem Strafgesetzbuch des entwickelten Sozialismus "asoziales Verhalten" war.

Das Rechtssystem, das den Bürger auf sozialistischen Vordermann zu bringen suchte, war ziemlich simpel. Es existierten 234 Kreisgerichte in erster, 15 Bezirksgerichte in zweiter Instanz "kontrolliert" vom Minister der Justiz. Die Richter wurden, auf Vorschlag des Justizministeriums, alle fünf Jahre von den jeweiligen Parlamenten "gewählt", also den Kreistagen und Stadtverordnetenversammlungen oder dem Bezirkstag.

Kurt Wünsche, damals wie heute Justizminister, fand 1971, es werde in dieser Verfahrensweise "einmal mehr überzeugend sichtbar, daß in der DDR die Organe der Rechtspflege Glieder der einheitlichen sozialistischen Staatsmacht sind und die Rechtspflege Ausdruck und untrennbarer Bestandteil der Machtausübung durch die von der Arbeiterklasse geführten Werktätigen ist". Die Volkskammer wählte das Oberste Gericht, wie auch den Generalstaatsanwalt, der alle Staatsanwälte ernannte. Schließlich gab es noch "Gesellschaftliche Gerichte". Das waren etwa in volkseigenen Betrieben, landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften oder staatlichen Einrichtungen 30 000 "Konflikt- und Schiedskommissionen", die im Vorfeld der eigentlichen Gerichtsbarkeit tätig wurden, besetzt mit 250 000 Bürgern, "die in ihrer Arbeit sowie in ihrem gesellschaftlichen und persönlichen Verhalten Vorbild sind und Achtung und Vertrauen genießen". Sie waren für Streitigkeiten im Arbeitsrecht, kleinere Vergehen, Ordnungswidrigkeiten, Verletzung der Schulpflicht zuständig und konnten "Erziehungsmaßnahmen" aussprechen.