Weinheim

Am Dienstag dieser Woche verlieh ihm die Deutsche Korczak-Gesellschaft ihren Preis, und das war für Schmuel Gogol, Leiter des weltweit einmaligen Kinder-Mundharmonikaorchesters aus Israel, mehr als nur eine Ehrung. Gogol kannte den Namensgeber des Preises: Janusz Korczak sei es gewesen, sagt Gogol, der in ihm dieses „kindliche Zutrauen“ geweckt habe, das ihn Auschwitz überleben ließ. Korczak war es auch, der 1939 dem kleinen Waisenjungen Schmuel Gogol die Mundharmonika schenkte, die ihn einmal vor der Gaskammer retten und sein weiteres Leben bestimmen sollte.

Jetzt spielt Gogol mit seinem Orchester in dem Land, dessen Boden er nie wieder betreten, dessen Sprache er nie mehr sprechen wollte, und er nahm in Weinheim an der Bergstraße den Korczak-Preis entgegen. Bis es dazu kam, bedurfte es viel privater Initiative.

Die Deutsche Korczak-Gesellschaft e.V. will das Werk des großen polnischen Pädagogen erforschen, publizieren und für die heutige Zeit interpretieren. Die rund 300 Mitglieder wollen auch für die Erziehungsideale Korczaks werben, der in seinen zwei Warschauer Waisenhäusern ein gleichberechtigtes Miteinander von Kindern und Erwachsenen organisierte und vorlebte, der Vertrauen, Selbstverantwortung und Anregung gegen Gängelung und Bestrafung setzte. Und sie haben sich zum Ziel gesetzt, private Brücken zu bauen aber die historischen Gräben zwischen Deutschland, Israel und Polen.

Am 5. August 1942 trieben SS-Männer die Kinder aus Korczaks Waisenhaus, das ins Warschauer Ghetto hatte „umziehen“ müssen, zum „Umschlagplatz“. Ziel der Deportation war das Vernichtungslager Treblinka. Janusz Korczak wies Angebote der Rettung zurück, wollte seine kleinen Schützlinge auf dem Weg in den Tod nicht allein lassen.

„Bei uns zu Haus“, sagte Schmuel Gogol, wenn er von dem Waisenhaus erzählt, in das er als Siebenjähriger kam und in dem ihm Geborgenheit gegeben wurde. Als Vierzehnjährigen quälten ihn SS-Aufseher im Auschwitzer Arbeitskommando, das den Buna-Werken der IG Farben zugeteilt war. Er füllte Zement in Säcke und wurde fast blind dabei. Im Krankenrevier – für die meisten nicht Ort der Heilung, sondern der Selektion für die Gaskammer – hörte ihn ein SS-Mann Mundharmonika spielen.

„Nummer 81 491“, eigentlich ein Kind noch, wurde ins Lagerorchester befohlen, nicht in das große Sinfonieorchester, mit dem der KZ-Kommandant protzte und das traurige Berühmtheit erlangte. Schmuel Gogol spielte mit zehn, zwölf anderen – Akkordeon, Gitarre, Geige – vor dem Eingang zum Krematorium, wenn die Transporte ankamen. Er mußte mitansehen, wie auch Freunde und Bekannte in den Tod gingen. Und er spielte dazu. „Ich konnte gar nichts machen, ich konnte nur die Augen zumachen, und wenn ich dann spielte, war ich in einer anderen Welt.“