Von Marlies Menge

Wem zur DDR nur das chemieverseuchte Bitterfeld und die giftbelastete Elbe einfallen, der sollte sich mit Reimer Loose oder Jörn Mothes unterhalten. Die beiden Naturschützer würden ihm erzählen, daß das Land auch anderes zu bieten hat – große Flächen ursprünglicher Natur, die es zu bewahren gilt.

Reimer Loose ist gelernter Landwirt, er war jahrelang zuständig für Umwelt- und Naturschutz, Wasser und Energie im Kreis Eberswalde. Jetzt arbeitet er an prominenter Stelle – dort, wo einst Erich Honecker jagte. Ein Schild mit der Aufschrift "Aufbauleitung Biosphärenreservat Schorfheide" weist den Weg ins ehemalige Haus der Wachmannschaften.

Die Schorfheide in der Mark Brandenburg, eine Autostunde nördlich von Berlin, war Jagdgebiet der Herrschenden seit 400 Jahren. Ironie der Geschichte: Die früheren Sperrgebiete (Grenzgebiete, Truppenübungsplätze, Staatsjagden) könnten zum Natur-Kapital des Landes werden, wenn sie nicht durch Vermarktung und Zersiedlung zerstört Verden. Reimer Loose kämpft darum, daß das Staatsjagdgebiet Schorfheide und seine Umgebung zum Biosphärenreservat, ein Titel, den die Unesco vergibt, erklärt wird. Mit seinen 830 Quadratkilometern wäre es dann das größte im deutschsprachigen Raum. Im Reservat werden Kernzonen ganz der Natur überlassen; sie sind umgeben von Randzonen, die sie sichern, in denen Forschung und Eingriffe erlaubt sind, ebenso wie die Existenz von Kulturlandschaft mit ökologischem Land- und Forstbau.

Das geplante Reservat Schorfheide besteht zu rund sechzig Prozent aus fast geschlossenen Waldgebieten: "Und die sind wichtig für das Wasserreservoir", sagt Reimer Loose. Ein Problem allerdings sei der hochgepäppelte Wildbestand: "Er ist zwanzigmal höher als normal." Loose möchte von abends sechs Uhr an den Wald für Besucher sperren, damit die Jäger schießen können. Er führt mich zu Honeckers eher bescheidenem Jagdhaus, in dem jetzt eine Försterfamilie lebt. Im Zwinger bellt böse ein Schäferhund, der Rauhhaardackel nebenan ist freundlicher. Im Garten spielt die Förstersfrau mit ihren Kindern Verstecken.

Loose plädiert für einen Schutzstreifen um die vielen Seen im Reservat: Ackerland an den Ufern soll zu Weide gemacht und Genossenschaften sollen dafür bezahlt werden, wenn sie ihr Land ökologisch bearbeiten oder brachliegen lassen. "Wir haben viele Seen unterschiedlichster Wasserqualität hier, der Werbellinsee gehört dazu und der Parsteiner See, tausend Hektar groß, mit Sichttiefen bis zu neun Metern. Hinzu kommen Moorgebiete und Solle, das sind winzige Seen." Brettsegler möchte Reimer Loose nur im Juli und im August auf den Seen dulden: "Sie vertreiben die Wasservögel, ebenso die Angler." Zu den 30 000 Menschen, die hier leben, kommen im Sommer 200 000 Urlauber hinzu, auf Campingplätzen, in Betriebsferienheimen – Hotels gibt es kaum. Nun gilt es, den Ausverkauf der Landschaft zu verhindern.

Wir kommen durch Kiefer-Monokulturen, sehen gegen Wildschweine geschützte Ameisenhaufen, von Bibern angespitzte und gefällte Bäume. Ein Steg führt über das 300 Hektar große Moor Mehlake. "Hören Sie die Frösche?" fragt Reimer Loose. Wir steigen auf einen Anstand: "Da hinten nistet der Kranich", zeigt er und schimpft über die Orchideensucher: "Die latschen ohne Rücksicht auf Verluste quer rüber, wenn sie ihre Pflanze entdeckt haben." In einer Tagungsstätte im Reservat, meint Loose, könnte Naturschutz gelehrt werden. Aber Naturschutz kostet Geld. "Es brauchte nur ein Leopard nicht gebaut zu werden, und wir hätten zwanzig Millionen Mark für die Natur. Ist sie das nicht wert? Noch unsere Enkel könnten hier Biotop-Forschung betreiben." Absprachen zwischen den Ministerien in Ost und West seien nötig. "Aber schon die eigenen reagieren nicht. Unser Programm liegt vor, was gemacht werden soll, wieviel es kostet."