Bocholt

Eine dpa-Meldung durchfuhr dieser Tage die Medienlandschaft und hängte in der Konkurrenz ums strapazierte öffentliche Interesse selbst Nachrichten über Währungsunion, Fußball-WM und KPdSU-Parteitag ab. Kein Wunder: Es ging sozusagen um den sittlichen Stellenwert des Tanzes Lambada in der Arbeitswelt. Die 3. Kammer des Arbeitsgerichts im westfälischen Bocholt hatte entschieden, daß ein Vorgesetzter eine Angestellte nicht ungestraft in die Nähe von Prostituierten rücken darf, wenn sie beim Betriebsfest einen heißen Lambada hinlegt. Das tiefgründige juristische Ringen vor diesem Beschluß verdient, genauer dokumentiert zu werden.

Drei Tage nach dem Betriebsfest hatte der Chef seiner Mitarbeiterin gesagt, wie er ihr Benehmen fand: Sie habe sich auf dem Fest in Gegenwart wichtiger Geschäftskunden „unsittlich verhalten ... wie ein Mädchen aus Hamburg, wie eine Dirne“. Sie habe „Lambada hoch drei“ getanzt, und ihr Partner habe „seine Hand in ihr am Rücken tief ausgeschnittenes Kleid gesteckt“.

Die junge Frau erlitt einen Weinkrampf, suchte einen Nervenarzt auf, der sie für eine Woche krankschrieb und ihr nahelegte zu kündigen, was sie tat. Dabei hätte von der ganzen Geschichte niemand zu wissen brauchen, meinte ihr Boß bei Gericht. Wörtlich: „Die Öffentlichkeitsarbeit des Verbreitens des Inhaltes des Gespräches“ habe „die Klägerin selbst besorgt, was firmenseitig zu beanstanden“ sein. Die Klägerin sei auch nicht als Dirne bezeichnet worden, der Ausdruck Dirne habe lediglich der „Beschreibung des Tanzes der Klägerin“ gedient. Insofern sei der Inhalt des Gesprächs „genausowenig eine Beleidigung, als wenn man zu einem Autofahrer sage, er fahre wie ein Rennfahrer“. Der Rechtsstreit sei „wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen“, meinte der Speditionsunternehmer und bat das Gericht, „von einer etwa künftig in Aussicht gefaßten Anordnung des persönlichen Erscheinens abzusehen“, weil seine 200 Beschäftigten ein Recht auf Anwesenheit ihres Chefs im Betrieb hätten.

Die Richter bewerteten das Verhalten des Beklagten eindeutig als Beleidigung. Immerhin habe er den Tanz seiner Mitarbeiterin „mit dem einer Dirne verglichen“, und es frage sich, „woher ... der Beklagte seine Kenntnis über das Tanzverhalten einer Dirne beziehen mag“. Immerhin sei der „Beruf der Dirne im allgemeinen Gesellschaftsleben als unsittlich angesehen“. Deshalb sei Dirnenlohn nicht einklagbar, erinnerte die Kammer und folgerte: „Bereits hier liegt eine Unterscheidung zu einem Rennfahrer vor, der seine Lohn- und Gehaltsansprüche auf dem Rechtswege geltend machen kann. Zudem hinkt die Ansicht des Beklagten, die Äußerung sei nicht schlimmer, als jemand als Rennfahrer zu bezeichnen, daran, daß Rennfahrern im allgemeinen eine äußerst verantwortungsbewußte Fahrweise ... bescheinigt werden muß.“ Der Vergleich mit der Verhaltensweise einer Dirne stelle demgegenüber die „Person regelmäßig in die Nähe dieser Berufsgruppe“.

Nach dem motorsportlichen Auftakt drangen die Arbeitsrichter tief in die Kulturgeschichte des Tanzes ein. Weil „es im Bereich des Tanzsports etliche Tänze mit Körperkontakt“ gibt, sei „der Vorwurf eines dirnenartigen Verhaltens objektiv falsch. Zwar entspringt der Lambada einem südamerikanischen Fruchtbarkeitstanz, dies gilt aber auch für den älteren Samba“. Auch „Tänze aus den anglo-amerikanischen Bereichen haben mitunter Bestandteile mit erotischem Bezug“, präzisierte die Kammer und erinnerte an „Letkiss, Bump, das Aufgrätschen beim Rock’n Roll, Twist...“. Sogar Tänze, „die noch vor der Geburt der Klägerin, die zu Zeiten der Hochkonjunktur der Aufsätze und Filme von Oswald Kolle zur Welt kam, vollführt wurden, hatten erotische Bewegungsteile“. In diesem Zusammenhang kam das Gericht auf den Blues Boogie zu sprechen, „bei dem vielfach – unkritisiert von der Öffentlichkeit – von den Tanzpartnern bezweckt wurde, den eigenen Schweiß durch Berührung der Wangen mit dem des Partners zu vermischen“.

Der „Lambada-Tanz“ könne deshalb nicht unsittlich sein, weil „gerade dieser Tanz vielfach bereits im Nachmittagsprogramm des öffentlichenrechtlichen Fernsehens – zu unterscheiden von den privatrechtlichen Medien – gezeigt wurde und wird“. Darüber hinaus würben die dem Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) angeschlossenen Tanzschulen gerade mit Lambada. Auch dies beweise, daß der Tanz nicht unsittlich sei, „da gerade der ADTV zuständig ist für die Festlegung der Benimmregeln“.