Manager aus der Bundesrepublik organisieren die Privatisierung der DDR-Staatsbetriebe

Von Peter Christ

Die Nachbarschaft ist standesgemäß, das Ambiente weniger. Im ersten Stock des Hauses der Elektroindustrie am Ostberliner Alexanderplatz residiert die Deutsche Bank, auch im vereinigten Deutschland das größte und mächtigste Kreditinstitut. Sieben Etagen darüber sind die Büros der größten Wirtschaftsholding der Weit: der Treuhandanstalt zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens der DDR.

Wo jetzt noch Maler mit weißer Farbe und dezent gemustertem Teppichboden aus westdeutscher Produktion versuchen, die engen Flure des aus Betonplatten zusammengefügten Zweckbaus zur Chefetage zu schminken, werden in wenigen Tagen Verwaltungsräte und Vorstände, die meisten aus dem Westen, einziehen und über den größten Teil des Industrievermögens einer ganzen Volkswirtschaft gebieten, nämlich über 8000 Volkseigene Betriebe und Kombinate sowie über volkseigene Güter und Wälder der DDR.

Die sechzehn Verwaltungsräte und fünf Vorstandsmitglieder der Treuhandanstalt werden über eine Machtfülle verfügen, die ohne Beispiel ist in der Geschichte moderner Industriestaaten. Sie und ihre noch zu gründenden fünf Treuhandaktiengesellschaften werden darüber entscheiden:

  • welche der 8000 Kombinate und Betriebe pleite gehen, welche saniert werden und wieviel Geld sie dafür bekommen;
  • wer sich zu welchem Preis an Betrieben beteiligen oder diese vollständig kaufen darf;
  • wie und ob Kombinate aufgeteilt werden;
  • was aus den volkseigenen Gütern und Wäldern wird;
  • was mit dem Gewinn geschieht, ob er für die Sanierung von Betrieben und für die Sanierung des Staatshaushaltes verwendet wird oder ob am Ende doch noch etwas für die DDR-Bürger übrigbleibt, denen das SED-Regime jahrzehntelang vorgeschwindelt hatte, Eigentümer dieses Vermögens zu sein, welches de facto aber dem Staat gehörte;
  • letztlich beeinflussen sie auch das berufliche Schicksal der fast 6,9 Millionen DDR-Bürger, die in der volkseigenen Wirtschaft arbeiten.

Die Entscheidungen der Verwaltungsräte und der ihnen unterstehenden Vorstände werden also gravierend die künftige Struktur der Volkswirtschaft der DDR prägen, und zwar auf Jahrzehnte. Sie haben damit zweifellos mehr Macht als der Finanz- und der Wirtschaftsminister gemeinsam.