Es war das Land unserer Sehnsucht, der Küstenstrich der vielen kleinen Nachkriegsträume von glücklichen Tagen unter südlicher Sonne, vom Dolcefarniente am heißen Strand, langentbehrt, langerspart. Die frühen Touristen, sie wohnten in Luigis winziger Pension in kargen Zimmern mit gefliestem Boden und zwei schmalen Matratzen. Tagsüber bräunten sie sich am Strand und planschten zu Hunderten in einem badewannenseichten Meer, und die Mädchen wurden umschwänzelt von glutäugigen, schwarzhaarigen Papagalli. Abends versuchten die Urlauber, ellenlange, saucenglitschige Spaghetti um die Gabel zu drehen, und tranken mit den Freunden aus Wattenscheid, man kannte sich vom letzten Urlaub, Wein, den sie „Schianti“ nannten. Die Nächte waren lang, mild und fröhlich, und die Urlauber waren glücklich hier an der Adria. In Rimini und Riccione, in Cervia und Cattolica.

Wer dachte an Umweltschutz, als daheim das Abwasser noch in Sickergruben floß, wer scherte sich um Bausünden, als die Autoschneisen geschlagen und die Flachbauten hinzementiert wurden? Wer grübelte über Ökologie und sanften Tourismus, als es noch keine Charterflugzeuge gab und niemanden, der sich durch Urlauber gestört fühlte, sondern immer mehr Feriengäste haben wollte?

Darum stockten die Giovannis und Sergios, die Luigis und Tonis ihre Pensionen auf, modelten noch eine Villa zum Hotel um, bauten noch ein albergho hinzu. Die Imbißbudenbuden boten nun Würstl con crauti an und deutsches Bier. Es wurde eng am Strand. Die Preise stiegen. Und die Adria hatte längst Konkurrenz bekommen. Inzwischen konnte man billig nach Spanien charterjetten und nach Sri Lanka, man war nicht mehr angewiesen auf die Küste, die jetzt Teutonengrill gescholten wurde. Die Adria, dieser Moloch aus den Gründerzeiten des Massentourismus, geriet ins Abseits, Europas längster Badestrand, an dem sich 130 Kilometer lang Pizzeria an Pension, Hotel an Eisdiele, Ferienwohnung an Lunapark, Souvenirladen an Bar reiht.

Dann aber kam der Sommer 1988, und mit ihm kamen die Algen. Früher hatte sich niemand groß darüber aufgeregt, aber jetzt sah man sie als rote Masse im Meer blühen. Und ein Jahr später, mitten zur besten Badezeit, sonderte sich grünlichgelb glibbernder Algenschleim auf den sanften Wellen des flachen Meeres ab. Nun verging Tausenden, vornehmlich deutschen Urlaubern endgültig die Lust. Für sie war die Adria gestorben. Vierzehn Tage im Juli ließen Probleme aufbrechen, die lange verdrängt worden waren. Sie zwangen Hoteliers und Pensionsbesitzer, Tourismusmanager und Politiker endgültig zum Nachdenken – und zum Handeln. Was sollte aus der Adria werden?

Freitag abend in Rimini, kurz vor 23 Uhr. Der Verkehr brandet durch die kleinen Straßen vor der Strandpromenade. Durch die neue Fußgängerzone wogt die Urlauberschar. Man hört Deutsch und Holländisch, Französisch und viel Italienisch. Die Kellner servieren Eisbecher und das kleine Bier zu 3,50 Mark. Die pechschwarzen Straßenhändler in ihren langen wallenden Gewändern halten Sonnenbrillen feil und falsche Marken-T-Shirts. Junge Mädchen promenieren in knallengen, kurzen Röckchen. Aus einer Freiluft-Disco wummert Live-Musik. Die Krise macht sich unsichtbar.

Der Tag erst bringt die Probleme ans Licht. Kilometer um Kilometer, von Cattolica über Riccione und Rimini, von Cesenatico über Cervia zu den Lidi zwischen Ravenna und Comacchio gleicht sich das Bild. Auf der einen Seite der Strand, durch Zäunchen parzelliert, Sonnenschirme und Liegen in Reih und Glied militärisch präzise ausgerichtet. Blaugrün und trügerisch rein schwappt das Wasser an den weichen, geharkten und wie geleckten Sand. Auf der anderen Seite reiht sich das Defilee der Hotels, Pensionen und Appartementhäuser, gleichförmige, flache Kästen, lieblos hingeklatscht in den fünfziger und sechziger Jahren. Balkon an Balkon, Käfigen gleich, zieht sich die Skyline der klobigen Würfel dahin, bis sie sich am Horizont im Sonnenglast auflöst. 130 Kilometer touristische Monokultur, Grillstation für Millionen Sonnenhungrige, gedankenlos erwachsen aus dem unverbrüchlichen Glauben an den gottgewollten immerwährenden Boom des Adriatourismus.

Im Jahr, als die Algen kamen, machte sich hektischer Aktionismus breit, seltsame Pläne spukten in den Köpfen der Politiker. Von Treueprämien für Adriabesucher war die Rede, von „Vertrauenskarten“ mit Ermäßigungen. Man grübelte über Barrieren, bewegliche und unbewegliche, die, fünfhundert Meter vor der Küste, Algen und Algenschleim abfangen sollen. Endlich aber wurde auch klar, daß es nicht nur Symptome zu kurieren galt, sondern das Meer selbst. Aus Rom begannen Gelder zu fließen, nicht nur für die Schutzwälle gegen den Schleim, sondern auch um die Schadstoffe einzudämmen, die dem Meer die wuchernden Algen bescheren (siehe ZEIT Nr. 28).

Die Algen jedoch haben eine Krise akut gemacht, die lange schon schwelte. Sie haben ins Bewußtsein gerufen, daß die Zeit zu Ende geht, in der die Urlauber sich mit einem Angebot, das nur auf Strand setzt, mit einer eindimensionalen Ausrichtung allein aufs Meer nicht mehr zufriedengeben. Die Touristen sind mit den Jahren und mit dem Reisen anspruchsvoller geworden – und sensibler. Mehr als die Hälfte aller Urlauber, so ergab eine Untersuchung des Studienkreises für Tourismus in Starnberg, bemerkt Umweltsünden im Feriengebiet, registriert Bausünden in den Freizeitmetropolen.

Daß es mit dem Angebot an der Adria nicht zum besten steht, war manchem Tourismuspolitiker schon bewußt, bevor die Algen den Einbruch brachten. Vor zwei Jahren, auf einer Konferenz über Tourismus und Umwelt im Adriaort Riccione, entwarf Piero Leoni, kommunistischer Chef der APT von Rimini, der Organisation für Tourismuspromotion, seine phantastische Vision von Heliopolis, der Sonnenmetropole an der Adria: im Mittelpunkt die Polis, die Stadt, das immerhin über 2000 Jahre alte und über 130 000 Einwohner zählende Rimini, rundherum Natur und Kultur, Festivals und Sehenswürdigkeiten, Küste und Hinterland. Die Situation muß in Bewegung gebracht werden, lautete schon danfels sein Credo. Man müsse weg von einer Monokultur und hin zu einem reichhaltigen Angebot. Ferien total, Unterhaltung rund um die Uhr, letztlich mit dem Ziel, die Hundertausenden von Betten nicht nur im Hochsaisonmonat August, sondern bis in den Oktober hinein zu belegen.

Klar war den Tourismuspolitikern schon damals, daß es gelten muß, die Zimmerzahl zu dezimieren, daß die Feriendomizile von damals zu wenig Komfort bieten, daß größere, effizientere Hotels, mit Pool und Fitneßraum, Aufzug und Aufenthaltsraum entstehen müssen. Klar war ihnen auch, daß die Autoflut einzudämmen sei. Schöne Pläne und kaum mehr.

Zwei Jahre später. „Adriapolis“ prangt in in dicken Lettern von großformatigen Anzeigen, mit denen die Region versucht, die gewaltigen Verluste einzudämmen. Adriapolis. „Europas Ferienzukunft“. „Ein touristisches Megazentrum“. Und ein gut Stück Utopie. Nach euphemistischen Schilderungen des Landstrichs werden „verkehrsfreie Strandpromenaden“ avisiert und „veränderte Hotelangebote – hin zu Qualität und vernünftigen Preisen“. Der Weg in die Zukunft?

Ist und Soll: Noch dominieren an der Adria die Ein-Stern-Häuser, die Pensionen in der vierten Straße hinter dem Strand, ohne Aufenthaltsraum, ohne Heizung und Radio; 40 Mark Vollpension, dafür kennt der Wirt seine Gäste von Kindesbeinen an. Aber die Nebenkosten sind hoch. Etwa 25 Mark kostet mitttlerweile das Touristenmenü,

„Mit der Krise ’90“, so schreibt die Zeitung II Resto del Carlino, „haben in Rimini 85 kleine

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Pensionen ihre Pforten geschlossen.“ Die Herbergen, die vom Markt verschwanden, sind just solche, „die keine Heizung haben, weder Schwimmbad noch Tennisplatz und meist nicht einmal einen Aufzug. Er wird immer anspruchsvoller, der Tourist der 90er Jahre, und der Mangel an Komfort wiegt immer schwerer“.

Ein Strukturwandel ist überfällig. Und darum erlaubt das neue Gesetz Nr. 424 Besitzern von Pensionen mit weniger als zwanzig Zimmern, ihre Häuser in Wohnungen oder Büros zu verwandeln. Mindestens dreihundert Hotels werden schließen, schätzt Primo Grassi, der Präsident von Agertur, der regionalen Behörde für Tourismuswerbung. Die kleinen Hotels müssen verschwinden, die großen kooperieren. Wie man allerdings die sturen und stolzen, vom Boom verwöhnten Wirte dazu bewegen kann, gemeinsam ihr Angebot an den Urlauber zu bringen, vermag so genau keiner zu sagen. Vielleicht die Häuser in eine Aktiengesellschaft einbringen, so daß keiner seine Rechte ganz aufgeben muß? Erste Ansätze, gemeinsam Sportmöglichkeiten zu offerieren oder wenigstens einen Swimmingpool, werden immerhin schon praktiziert. Die ersten Hotels bieten nun Tennis- oder Thermalpauschalen an. „Die Hoteliers sind wie Spürhunde“, sagt Luigi Montanari, Präsident der Hoteliersvereinigung der Region.

Er rät zum Renovieren, wenn er beim Metzger wieder einmal einen lamentierenden Pensionsbesitzer antrifft. Die Regierung hilft mit reduzierten Zinsen. Über 140 Hotels haben bereits die Lizenz für einen Pool beantragt. Pools waren Mangelware, solange sich das Leben am Strand abspielte.

Riccione an einem strahlend blauen Sommertag, ein Stück vom Strand entfernt im hügeligen Hinterland. Vor dem Eingang zum „Aquafan“ drängeln sich junge Leute. Fast dreißig Mark Eintritt zahlen sie, um hineinzukommen in die gewaltige künstliche Badelandschaft, in die Wogen fernab vom Meer. Sie werden in dem riesigen Becken plantschen, in dem künstlich bewegte Wellen zwischen Palmeninseln plätschern, werden durch verschlungene Tunnels in wilder Fahrt hinuntersausen, begleitet vom allgegenwärtigen Gedröhn italienischer Popmusik. Badeurlaub 2000?

Braucht man das Meer überhaupt noch? Wir brauchen ein differenziertes Angebot von besserer Qualität, sagt Giuseppe Chicchi, der Tourismusminister der Emilia Romagna. Nur eine breite Angebotspalette entspreche den Anforderungen des modernen Tourismus, betont Piero Leoni und verweist nicht ohne Stolz darauf, daß Rimini sich längst auch als Kongreßstadt einen Namen gemacht hat. Zehn Prozent der Besucher kommen in die Stadt, um zu tagen.

Minister Chicchi greift zu einem Vergleich. Wer in einen Ferienclub fahre, habe alle Angebote auf engem Raum: „An der Adria haben Sie auf 130 Kilometern eine große Variation an Leistungen.“ Das Sportangebot von Rimini und seiner Umgebung umfaßt unter anderem 89 Tennisplätze, 211 Gymnastikhallen, 6 Wassersportclubs, 3 Scheibenschießanlagen, 99 Minigolfplätze, 3 Go-Kart-Pisten, Intensivkurse für Sportfliegen, Unterwasserfischen, Windsurfen, Sportschwimmen, Squash und Baseball. Diversifikation – eine magische Formel, um die Krise zu bannen?

Not macht erfinderisch. Die in Bedrängnis geratenen Tourismusmanager der Emilia Romagna sind weder die ersten noch die einzigen, die sich angesichts sinkender Besucherzahlen dazu entschließen, Einförmigkeit nun in bunte Vielfalt zu verwandeln. Das ehemals klassische Wanderland Österreich erreichte erst dann wieder Zuwachsraten in der Besucherstatistik, als den Gästen Golf- und Tennisplätze geboten wurden, als Mountainbike und Kanufahren populär wurden und an die Stelle stupider Heimatabende anspruchsvolle Kulturereignisse traten.

Nun, da das Meer nicht mehr mitspielt, rücken auch die Promotionmanager an der Adria die Kultur ins Bewußtsein der Gäste. Eventi 90, Ereignisse 90, lautet das Schlagwort. Dazu zählen Konzerte mit klassischer Musik bei den Sagra Malatestina, ein Straßentheater-Festival in Santarcangelo und Krimigrusel beim „Mystfest“ in Cattolica. Der ewig gleiche Ferienkanon von Sonne und Strand ist passé. Wie große Hotels nur noch mit Pool reüssieren können, selbst wenn nur wenige ihn nutzen, so müssen Ferienregionen einen Fächer von Vergnügungen ausbreiten und mit Ereignissen einen beständigen Trommelwirbel inszenieren, der selbst noch die Nacht zum Tag macht.

Das Samstagnachtfieber heizt die Adria-Gemeinden so sehr auf, daß sich bereits eine Liga der Mütter gegründet hat, die eine frühere Schließungszeit der Nachtklubs fordert. Denn längst verlangen die heißen Wochenendnächte in den 160 Discos entlang der Küste ihren Tribut. An einem Sonntag morgen um vier Uhr herrscht auf den Ausfallstraßen von Rimini Verkehr wie in einer Großstadt. Und sogar am Bahnhof hängen zu nachtschlafender Zeit junge Leute benebelt von den Rhythmen der Großdiscos, die außerhalb von Rimini oder Gabicce Mare auf den Hügeln liegen, „Peter Pan“ oder „Paradiso“ heißen und 5000 Leute zu Eintrittspreisen, die bei vierzig Mark liegen, unter Strom halten. Nachts lebt die Adria.

Und an manchen Stellen hat sie es schon geschafft, ihr schäbig gewordenes Image aufzupolieren. Ein Teil der Milliarden, die Regierung und Region zur Rettung der von ausländischen Touristen verschmähten Strände aufgewendet haben, ist in die Belebung der Innenstädte geflossen: Im autobesessenen Italien florieren mit einem Mal die Fußgängerzonen.

So beginnt sich auch Riccione, lange Zeit bespötteltes Synonym für preiswertes Piefke-Ferienglück, zu mausern. Seit einem Jahr ist die Viale Ceccerini, die touristische Hauptmeile des kilometerlangen Ortes, für Fußgänger reserviert. Während Mussolinis Ferienvilla weiterem Zerfall entgegendämmert, versammelt sich an den Wochenenden zwischen teuren Geschäften mit italienischem Nobeldesign und rausgeputzten Cafés mit Logenblick auf den gepflasterten Boulevards der Eitelkeiten Norditaliens Jeunesse dorée aus Bologna und Ferrara, aus Modena und Reggio Emilia, die Bussi-Gesellschaft derer, die sich sonst in Cortina oder in der Dominikanischen Republik trifft.

Im Zeichen der Krise wird die Adria nun auch wieder verstärkt als historisch interessanter Landstrich propagiert. Längst in den Schulbüchern verstaubte Erinnerung wird in den Anzeigen wieder lebendig – Dietrich von Bern, die Mosaiken von Ravenna. Das mit Burgen und Borghi, Weingärten und Weinkellern, Kirchen und Museen bestückte Hinterland wird in den Vordergrund gerückt. Wie schon seit Jahren fahren für knapp drei Mark die grünen Busse in die grünen Hügel hinter der Küste, erschließen Dornröschenstädte wie Bertinoro oder Brisighella, entführen in die Keramikstadt Faenza.

Ein trüber, regenverhangener Nachmittag. Träge dümpelt das Wasser in den kleinen Kanälen von Comacchio. Die Straßen sind leer, führen vorbei an uralten Häusern, deren Fassaden langsam verrotten, weil noch niemand die Häuser gekauft und saniert hat. Die Zeit scheint den Ort mit der gewaltigen turmbewehrten Brücke und den ausladenden Treppen vergessen zu haben. Hier bei den Valli, den Süßwasserseen, die das gewaltige Podelta ankündigen, gleich bei der Kartause von Pomposa, wo Guido von Arezzo die Noten erfand, vielleicht liegt sie wirklich hier, die Zukunft der Adria.