Ein Selbsterfahrungsbericht von Henryk M. Broder

Auf der letzten Seite der New Yorker Village Voice, im sogenannten "Bulletin Board", fand ich Anfang Juni einen etwas ungewöhnlichen Eintrag. Zwischen einer Anzeige, mit der Ruth Westheimer Jungverheiratete Paare für ihre neue Fernseh-Show suchte, und einem Hinweis auf Talmud-Kurse an der New York University ("Forget California – Come to Judaism") stand ein Zweizeiler in Halbfett: "TAA – Telephone Addicts Anonymous, group meeting every monday..." – es folgte eine Adresse in Manhattan. Von einer Gruppe, die sich, dem Beispiel der Anonymen Alkoholiker folgend, Anonyme Telephoniker nennt, hatte ich noch nie gehört. Ich wollte anrufen und mich nach Einzelheiten erkundigen, aber in der Anzeige war keine Telephonnummer angegeben. Also wartete ich den nächsten Montag ab und ging hin.

Es dauerte eine Weile, bis ich die Adresse gefunden hatte. Es war eines der schönen alten Brownstone-Häuser auf der Upper West Side in der 82. Straße zwischen der Amsterdam und der Columbus Avenue. Aber kein Schild, kein Hinweis machte auf den Treffpunkt aufmerksam. In dem Haus gab es eine Tierklinik und einen Reparaturschneider, aber nichts, das auf eine Verbindung mit der Anzeige in der Village Voice schließen ließ. Dann bemerkte ich aber doch was, einen runden Aufkleber am Eingang zur Souterrainwohnung, der mir in der Dämmerung nicht gleich aufgefallen war. Der Aufkleber zeigte ein Telephon mit einem roten Balken, er ähnelte den alten Parkverbotszeichen mit dem durchgestrichenen roten P. Hier mußte es also sein. Ich klingelte, die Tür ging auf, und ich betrat einen Raum, der das Wartezimmer eines Arztes hätte sein können.

Ich setzte mich auf einen freien Stuhl und schaute mich genauer um. Da saßen elf Personen, sieben Männer und vier Frauen, in einem Kreis, so daß jeder jeden anschauen konnte. Die Sitzung hatte offenbar schon begonnen. Neben mir saß ein Mann, Mitte Fünfzig, er trug einen teuren Flanellanzug und hatte die Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Er nickte mir zu und machte eine Handbewegung, als wollte er sagen: Du bist an der Reihe. Ich nannte meinen Vornamen und sagte, daß mir die Anzeige in der Village Voice aufgefallen sei. Danach trat eine Pause ein, ich wußte nicht, was ich noch sagen sollte. Nach etwa einer Minute, die mir viel länger vorkam, fragte mich der Mann mit dem Flanellanzug und dem Pferdeschwanz (bald darauf erfuhr ich, daß es ein ehemaliger Therapeut war, der die Gruppe gegründet hatte), ob ich eine Erfahrung gemacht hätte, über die ich gerne berichten möchte. Ich wußte nicht genau, was er meinte, ich ahnte nur, daß die Erfahrung, über die ich berichten sollte, etwas mit dem Telephon zu tun haben sollte.

Ich sei neulich, sagte ich, in Paris zwischengelandet und habe meine Schwester anrufen und ihr guten Tag sagen wollen. Ich hatte nur einen einzigen Franc bei mir gehabt. Die Verbindung kam nicht zustande, und der Automat gab die Münze nicht wieder her. Worauf ich mit der Faust gegen den Apparat donnerte, der daraufhin eine Handvoll von Münzen ausspuckte. – Ich fand das eine witzige Miniatur von unterwegs, aber an den Gesichtern der Anwesenden merkte ich, daß es nicht die Art von Geschichte war, auf die es hier ankam. "Well", sagte der Mann im Flanellanzug neben mir, "it’s your first time with us ..."

Mein Entree bei den "Anonymen Telephonikern" war also ziemlich danebengegangen, aber das gab mir wenigstens die Gelegenheit, den Berichten der anderen zuzuhören. Wie bei den Anonymen Alkoholikern erzählte jeder Teilnehmer des Treffens eine Geschichte über sich. Alle hatten dasselbe Problem: Sie waren telephonsüchtig. Sie kamen hierher, um mit anderen Süchtigen Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu helfen. Sie wollten die Sucht loswerden, waren aber individuell nicht in der Lage dazu. Alle zeigten klare Symptome einer Suchtkrankheit, litten unter ihrer Abhängigkeit wie unter den Entzugserscheinungen beim Versuch, die Abhängigkeit zu überwinden. Da war zum Beispiel Phyllis, eine freiberufliche Photographie sie rufe, erzählte sie, in regelmäßigen Abständen ihren eigenen Anrufbeantworter an, um abzuhören, wer sie gerade angerufen habe, während sie nicht in ihrem Studio war. Noch vor ein paar Monaten rief sie alle zwei, drei Stunden bei sich an, dann wurden die Abstände immer kürzer, nun frage sie im Durchschnitt alle zwanzig, dreißig Minuten ihren Anrufbeantworten ab. Sie könne manchmal kaum an einer Telephonzelle vorbeigehen, ohne ihre eigene Nummer anzurufen. Kürzlich habe sie, während sie von einer Telephonzelle am Times Square ihren Anrufbeantworter abhörte, einen schrecklichen Gedanken gehabt: Was ist, wenn gerade jetzt jemand anruft und sie sprechen möchte? Er könnte nicht mal eine Nachricht auf das Band sprechen. Jetzt habe sie schon über eine Stunde nicht bei sich angerufen, und es bereite ihr große Schwierigkeiten, sitzen zu bleiben und nicht zum nächsten Telephon zu rennen. "Well", sagte der Mann im Flanellanzug neben mir, "that’s why you’re here."

Margret, eine Hausfrau um die fünfzig, meinte, sie müsse, nachdem sie morgens aufgestanden sei, erst ein paar Telephonate führen, es komme nicht darauf an, mit wem und weswegen, Hauptsache sei, sie erreiche irgend jemanden telephonisch. Sei niemand zu haben, rufe sie in einem Reisebüro an und erkundige sich nach Flugverbindungen, wobei sie sich möglichst komplizierte aussuche, zum Beispiel New York – Lagos – Ulan Bator, oder sie rufe einen jener zahllosen Telephondienste an, die einem das Horoskop für den Tag stellen, die am häufigsten oder am seltensten gezogenen Lottozahlen sagen und den Ausgang der letzten Soap-operas wie Denver und Dynasty mitteilen, wenn man die Programme am Vorabend verpaßt hat. Sei sie in der Stadt unterwegs, plage sie der Gedanke daran, wer sie alles während ihrer Abwesenheit anrufe (ihr Anrufbeantworter ist ein älteres Modell, das nicht per Telephon abgefragt werden kann), noch schlimmer sei die Vorstellung, es rufe sie überhaupt niemand an. Manchmal wähle sie ihre eigene Nummer an, nur damit sie bei der Heimkehr nicht ein leeres Band vorfinde, das wäre einfach unerträglich.