Von Pauline Paul

Lassen Sie mein Geschlecht außer acht“, schreibt Olympe de Gouges am 15. Dezember 1792 an den Präsidenten des französischen Konvents; „Heldentum und Großherzigkeit sind auch ein Erbteil der Frauen“. Und mit diesem Brief gibt sie wahrhaftig ein Beispiel weiblichen Heldenmutes: Sie verurteilt die Todesstrafe, die Louis Capet droht, und bietet sich in dem Prozeß gegen ihn als seine Verteidigerin an. Damit gefährdet sie ihr eigenes Leben. Das Volk, aufgehetzt von den Jakobinern, verlangt den Kopf des Königs.

Am 2. November 1793 wird Olympe de Gouges – seit mehr als drei Monaten in Haft – vor das Revolutionstribunal geführt. Niemand findet sich bereit, sie zu verteidigen. Am nächsten Morgen stirbt sie unter der Guillotine. Der Pöbel von Paris, darunter viele Frauen, schreit Beifall: Recht sei ihr geschehen, dieser „ebenso schönen wie gerissenen“ Frau, die ihr Geschlecht und die diesem geziemende Moral außer acht ließ und sich in die Geschäfte der Männer einmischte.

Das „Unrecht“ der Olympe de Gouges: In ihrem politischen Denken war sie ihrer Zeit weit voraus. Die Abschaffung der Todesstrafe und der Sklaverei, die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, die Einführung des Scheidungsrechts, die Gleichbehandlung ehelich und unehelich geborener Kinder – so manche ihrer Forderungen wurde erst in unserem Jahrhundert (und noch längst nicht in allen Ländern dieser Welt) in den bürgerlichen Gesetzesbüchern rechtsgültig festgeschrieben. Und um die Aufhebung des Zölibats, wofür Olympe bereits 1791 stritt, wird von mutigen Frauen und Männern bis heute mit dem Klerus gestritten. Eine Auswahl ihrer politischen Schriften, 1980 erstmals (in einer hervorragenden deutschsprachigen Übersetzung) erschienen, wurde jetzt neu aufgelegt:

  • Olympe de Gouges:

Schriften

Herausgegeben von Monika Dillier, Vera Mostowlansky, Regula Wyss; Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt 1989; 188 S., 38,– DM

Aus ihrem literarischen Werk – Theaterstücke, Romane, Streitschriften, Briefe – sprüht ein zukunftsweisender Freiheitsgeist. Die Geschichtsschreibung des den Frauen besonders feindlich gesonnenen 19. Jahrhunderts aber schuf von der „Furie de Gouges“ das Bild einer exzentrischen Geisteskranken, einer eitlen Wichtigtuerin, die „schwätzt, schwätzt, daß sie davon ins Schwitzen kommt“, und deren „paranoia reformatoria“ (eine bis dahin in der Medizingeschichte unbekannte Krankheit) sie zum „Opfer ihrer nervösen Reizbarkeit“ werden ließ.

„Die Verleumdung ist den Frauen nie erspart geblieben, vor allem nicht den geistreichen“, urteilt Olivier Blanc in seiner Biographie „Olympe de Gouges“. Das historische Quellenmaterial, das der französische Historiker und Publizist, der mit seiner Revolutionsstudie „Der letzte Brief“ auch hierzulande bekannt wurde, in Bibliotheken und Archiven zutage förderte, steht in eklatantem Widerspruch zu dem Spukbild von einer sich rasend gebärdenden Schwachsinnigen, wie es das 19. Jahrhundert gezeichnet hat. Olympe de Gouges hatte nur einen, in allen Zeiten unverzeihlichen Fehler: So freiheitlich wie sie dachte, so lebte sie auch – ganz nach ihrer Facon.

Sie wurde schon als Außenseiterin geboren, am 7. Mai 1748 in Montauban. Nicht der Ehemann, ein Metzger, sondern der Geliebte ihrer Mutter war ihr Vater, Marquis seines Standes. Als Siebzehnjährige traute man sie einem Gastwirt an. Knapp ein Jahr nach der Heirat starb er. Olympe weinte ihm keine Träne nach. Im Gegenteil, fortan lehnte sie für ihr eigenes Leben die Institution der Ehe strikt ab und zog als fröhliche Witwe 1770 nach Paris. Hier verkehrte sie bald in den besten Kreisen der Gesellschaft. Ihre Schönheit und ihr Esprit gefielen, und sie wurde berühmt als femme galante. Als „Dirne“ haben die Revolutionäre und spätere Geschichtsschreiber sie darum verdammt. Selbst feministischen Forscherinnen bereitete der freizügige Lebenswandel von Olympe de Gouges, der Verfasserin der berühmten „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, einiges Kopfzerbrechen – und sie fragen apologetisch, was einer armen Witwe aus dem dritten Stand im Paris des 18. Jahrhunderts denn auch anderes übrigblieb als Ehe oder Liebesdienst, wenn sie nicht in Armut vegetieren wollte.

Allem Anschein nach aber hatte Olympe weit weniger moralische Skrupel, die Vorzüge und den Luxus, die ihr dieses Leben bot, zu genießen und auch zu nutzen. Sie eignete sich die Bildung an, die ihre Herkunft ihr nicht ermöglicht hatte, und entdeckte schließlich ihr dramatisches Talent. Vierzig Theaterstücke hat sie geschrieben, zehn Jahre lang leidenschaftlich um ihre literarische Anerkennung gekämpft und sich in gefährliche Querelen, zuerst mit den Theaterherren des Ancien regime, dann mit den Politikern der Revolution, eingelassen.

Olivier Blanc macht auch das in seiner Biographie deutlich: Olympe de Gouges verfocht ihre ganz eigene Freiheitsmoral, das Recht auf individuelle Eigenart und selbstbestimmte Lebensgestaltung, ungeachtet von Herkunft und Geschlecht. Dies Verständnis von Freiheit hat ihr dann, als sie mit politischen Streitschriften an die Öffentlichkeit trat, die Beschimpfung „Aristokratin“ eingebracht. Dafür hat man sie, wie Iring Fetscher es ausdrückte, „zweimal hingerichtet“: auf dem Schafott und in den Geschichtsbüchern. Olivier Blanc ist es nun, fast 200 Jahre nach ihrer ersten Hinrichtung, mit seiner gut dokumentierten Biographie gelungen, das Andenken an Olympe de Gouges als Vorkämpferin individueller Freiheit und rechtlicher Gleichstellung zu retten:

  • Olivier Blanc:

Olympe de Gouges

Aus dem Französischen von Sabine Oppolzer-Ohnmacht; Promedia Verlag, Wien 1989; 239 S., 34,– DM

Das leidenschaftliche Pathos wiederzugeben, den dramatischen Tonfall, der Olympe eigen ist und der von ihrem Biographen ausführlich zitiert wird, das ist der Übersetzerin leider nicht ganz gelungen. Bedauerlich ist auch die mangelnde Sorgfalt bei der Lektorierung des Buches, das doch den Rang einer wissenschaftlichen Arbeit beanspruchen kann. Abgesehen von mancherlei Druckfehlern und störenden dialektalen Redewendungen, fehlen zum Beispiel die Abbildungen der Originalausgabe, das Kapitelverzeichnis und das Namensregister. Dennoch, das vom Autor einfühlsam gezeichnete Lebensbild von Olympe de Gouges wird durch solche Mängel nicht mehr ins Wanken geraten.