Von Will Teichert

HAMBURG. – Jahrzehntelang waren die Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität und die Fachschule für Journalistik in Leipzig die beiden einzigen, politisch wirkungsvoll kontrollierten Ausbildungswege: ideologische Kaderschmieden eines der sozialistischen Gesellschaft verpflichteten und unterworfenen Journalismus. Beide Institutionen stehen jetzt trotz lebhafter Reformbemühungen vor dem „Aus“ – Auflösung eines Kernbereichs journalistischer Selbstfindung und Selbstbestimmung: in der Aus- und Weiterbildung. In einem Papier zur Zukunft der Fachschule wird realistisch festgestellt: „Angesichts der neuen, auch von Konkurrenz bestimmten Ausbildungssituationen werden die bisherigen Formen kaum Bestand haben.“

Der Verband der Journalisten (VdJ), der sich zum 30. September 1990 auflöst, hat einen Bildungsverein der Journalisten gegründet, um neue Aus- und Weiterbildungsmodelle zu entwickeln. Eben dieser VdJ hatte bei den bisherigen Ausbildungswegen eine zentrale Kontrollfunktion. Das Journalistikstudium, das mit dem Abschluß „Diplom-Journalist“ endete, setzte seit 1965 zwingend ein einjähriges Volontariat voraus. Dieses Volontariat wurde über den VdJ vergeben – und dies mit detaillierter Zugangskontrolle. Den Bewerbungen um ein Volontariat mußten, neben üblichen Zeugnisunterlagen, Personalbogen und ähnlichem, beigelegt sein: eine Beurteilung durch die FDJ hinsichtlich der Aktivitäten im Jugendverband; ein Gutachten der Schule oder des Betriebes oder des zuständigen Kommandeurs der Nationalen Volksarmee.

Die Entscheidung war abhängig von weiteren Prüfungen zur gesellschaftspolitischen Verläßlichkeit. Ein schriftlicher Kommentar zu einem aktuellen politischen Thema, die Übersetzung einer Tass-Meldung und ein Gespräch mit einer Auswahlkommission sollten die „Linientreue“ prüfen und die Entscheidung begründen.

Während des Volontariats hatten rechenschaftspflichtige Mentoren die Aufgabe, den politisch-journalistischen Werdegang zu observieren. Die Redaktion entschied auch, wer einen der nur 120 Studienplätze in Leipzig erhalten sollte. Angesichts der redaktionellen „Argu“-Listen (Sprachregelungen für politische Begriffe und Termini) und der „Tabu-Mappen“ (Themen, die nicht behandelt werden durften) war die diktierte und observierte berufliche Sozialisation von Beginn an gegeben.

Das vierjährige Studium wurde ähnlich wirkungsvoll reglementiert: Die Grundlagen des Marxismus-Leninismus, Theorie und Praxis des Journalismus in sozialistischen Gesellschaften, journalistischer Sprachgebrauch, aktuell-politisches Argumentieren bildeten die wesentlichen Elemente des Grundstudiums, die dann auch den Vorwurf der „Leipziger Rotlichtbestrahlung“ begründeten. Ergänzende Lehrinhalte wie „Militärpolitik“, Journalismus imperialistischer Länder“ lagen auf der nämlichen Linie. Das Hauptstudium ab dem fünften Semester sah eine medienspezifische (Presse-, Rundfunk-, Agenturjournalismus) und fachspezifische (Kultur, Lokales, Wirtschaft und ähnliches) Spezialisierung vor.

Die Fachschulausbildung zum gleichermaßen staatlich anerkannten „Journalisten“ an der VdJ-Fachschule geschah in einer Kombination von Fernstudium und Seminarbesuch. Zugangsvoraussetzung waren eine abgeschlossene Berufsausbildung und der Nachweis redaktioneller Tätigkeit. Die Bewerber kamen überwiegend von Betriebszeitungen und absolvierten diese Zusatzausbildung im Verlauf von drei Jahren.