In Deutschland, wo der Pfeffer wächst, geht Helga Königsdorf (Autorin der Noch-DDR), von Clausewitz inspiriert, zu einem Angriff über, was ganz gewiß ihr Recht ist, würde sie nicht Fakten entstellen und, sonst so larmoyant, mit dem Entstellten klappern. In Zukunft, klappert sie, wird man fragen dürfen, warum einer ging. Nein, man wird es nicht dürfen, mit Verlaub zu sagen. Weil man nicht so unbedarft tun kann, weil der Grund offenliegt. Und weil diese Frage, diese impertinente Frage, einem bei Lesereisen in der DDR immer wieder gestellt wird und nur von denen, deretwegen man ging, von denen, die die Buchstaben SED in PDS ummünzten. Und eben dort hinein paßt auch die Bemerkung vom Billiglohnland DDR. (Nur der Ausverkauf fehlt, mag sein wegen der ausgebliebenen Käufer.) Und auch das dürfte Helga Königsdorf besser wissen: Es war nie und nimmer ein Privileg für Autoren, die DDR zu verlassen und in die Bundesrepublik zu ziehen (die allerdings Freiberuflern für eine Eingewöhnungszeit kein Arbeitslosengeld zuerkannte, sie also sofort in die Unsicherheit wies, die Verbandsautoren der DDR nunmehr empört und die sie in Protesten von sich weisen). Fortgehen, auf Antrag, durfte so mancher Nichtautor. Nach Pressionen gehen, das hinzugesetzt. (Mir, zum Beispiel, wurde als Autor in einem Komplott zwischen Hager und Höpcke dieser Fortgang über gut eineinhalb Jahre verweigert, das unter dem Druck, meinen Sohn einzubehalten. Nötigung heißt das wohl. Unter Nötigung also und unter existentieller Bedrohung, da jede Nachauflage sofort gestrichen war.)

Mich stört die List von Fragen und Behauptungen, diese Hinterlist, die ich durch Jahre kannte und die geistiges Interieur einer Sekte ist. Denn was heißt das: „Warum ist man gegangen und hat nicht vor Ort den Kampf gefochten?“ Abgesehen von dieser Wortwahl: „Kampf“, „gefochten“. Abgesehen von dieser Hirnvorprägung, die weit schließen läßt: Was und wie war in der DDR zu „fechten“ möglich? Denn das ist nun nachweisbar, und kein Sich-dümmlich-Stellen hilft, einige sind geblieben, und sie blieben im Streit: Adolf Endler, Martin Stade und nicht zuletzt Dieter Schubert, der die Unterschriftensammlung gegen Biermanns Ausbürgerung vorantrieb, Filme schrieb, eine Reihe von Büchern. Einige sind geblieben, und was waren die Folgen? Sie bestanden aus Totschweigen, NichtVeröffentlichung, Verbot von Leseauftritten. (Zuletzt, im Falle Schubert, griff in Leipzig die Partei gegen eine Lesung ein, nachdrücklich, drohend.) Ein paar hundert Mark Verdienst im Jahr, das waren die Folgen für Endler, für Schubert, die Folgen für Stade. Und für wen noch? Ein paar hundert Mark im Jahr! Und daß solche vom Markt geworfen wurden und Aussicht haben auf eine blasse Rente, über die einstige Parteiautoren nur lachen können. Wo war da Helga Königsdorf, um den „Kampf mitzufechten“?

„Nun darf ich mich plötzlich in ganz Deutschland einmischen“, schreibt die Autorin. Sie schreibt wirklich „darf“. Und mischt sich mit Vehemenz ein. Täte sie’s doch mit Nachdenklichkeit.

Sei’s drum. Es ist gut für den Streit. Zu verargen sind Schläue, List und Begriffsplunder. Nichts gegen Dümmlichkeit, aber echt sollte sie sein.

„Wie haben wir das alles bloß ausgehalten?“ Helga Königsdorfs woanders gestellte Frage ist rhetorisch und infantil. Sie täuscht eine Betroffenheit vor, die recht im Gegensatz steht zu ihrem ZEIT- Artikel. Wie „man“ das ausgehalten hat? Ganz einfach, indem „man“ sich an den heiligen drei Affen orientierte, von denen die Autorin, will es scheinen, noch nicht lassen kann. Weil „man“ nichts sehen wollte und nichts hören und schon gar nicht handeln. Weil „man“ sich Puderzucker hat streuen lassen und nicht nur in die Augen. Weil „man“ das Denken den drei Affen überließ. Doch jetzt, da „man“ denken, ja sogar Nachdenken „darf“, sollte Helga Königsdorf davon Gebrauch machen (vor dem Einmischen, falls möglich). Und sich den Fakten stellen, anstatt Trotzköpfchen zu spielen. Und die Affen in den Zoo senden. Trotz ihrer Affenliebe.

Sigmar Schollak

Sigmar Schollak, geboren 1930 in Berlin. Buchautor in Ost-Berlin bis 1982, dann Übersiedlung nach Berlin-West. Hier als Buch-, Rundfunk- und Hörspielautor tätig. Letztes Buch „Ausflug in Paradiese (Ost-West-Erzählungen, 1989, Arani Verlag).