Von Friedhelm Gröteke

Die Uhr im Saal der Mailänder Börse, der Piazza Affari, zeigte auf halb eins, als der Speaker am vergangenen Donnerstag eine wichtige Nachricht verlas: Die Börsenaufsicht hat den Handel mit Aktien der Ferruzzi Finanziaria, mit Ferruzzi Agricola Finanziaria, Montedison, Eridania und Enimont eingestellt.

Am Tag danach erklärte die Ferruzzi-Gruppe offiziell, was geschehen war: Die Holding Ferruzzi Agricola Finanziaria, so kündigte ihr Präsident Raul Gardini an, wird die Chemieholding Montedison durch Aktientausch im Verhältnis eins zu eins übernehmen und dann den Namen „Neue Montedison“ annehmen. Damit wird eine Gruppe mit zwanzig Milliarden Mark Umsatz entstehen; einschließlich der indirekt kontrollierten Beteiligungen sind es sogar fast fünfzig Milliarden. Es ist eine wahre Elefantenhochzeit: Ferruzzi Agricola Finanziaria ist europaweit Marktführer bei Zucker, Stärke, Sojaprodukten und Pflanzenöl, aber auch bei der Bearbeitung von Reis und bei Haushaltspapier. Montedison war Italiens größtes Chemieunternehmen, bis es Gardini zu einer Holding für Chemie und Pharmazeutik umfunktionierte. Ferruzzi gilt nun als neuntgrößter Chemiekonzern der Welt.

Einen Schönheitsfehler aber hat die Gruppe noch. Im Chemiesektor kontrolliert bisher die Montedison zwar die größten Kapazitäten der Welt für den Kunststoff Polypropylen; die wichtigen Marktpositionen für Polyethylen, Waschmittelgrundstoffe, Düngemittel und andere chemische Produkte muß sie aber zur Hälfte mit der staatlichen Energieholding ENI teilen, mit der sie im Januar 1989 ein Joint-venture einging. Unter dem Namen Enimont vereinigten sie fast die gesamte italienische Grundstoffchemie.

Aber schon acht Monate nach der Gründung schlug Gardini mit der Faust auf den Vorstandstisch der Enimont und forderte die Partner der ENI zum Gehen auf. „Ich will wirtschaften, ihr seid Bürokraten“, wetterte er los. Und als das Management der Ferruzzi-Gruppe eine Kundgebung inszenierte, auf der es gegen die vertraglich vereinbarten Mitspracherechte der Staatsindustrie ENI protestierte, machte Gardini sein Selbstverständnis noch deutlicher: „Ich bin die italienische Chemie.“

Mit dem Coup vom vergangenen Freitag ist er diesem Anspruch ein Stück näher gekommen. Nach Bekanntgabe seines Fusionsvorschlages Montedison-Agricola ließ Gardini durchblicken, daß er sich nunmehr stark genug fühle, der Staatsindustrie ihren Teil an Enimont abzunehmen.

Große und Marktmacht interessierten den Familienchef Raul Gardini schon immer. Nach einem kometenhaften Aufstieg ist er mittlerweile der zweitgrößte Unternehmer Italiens, noch vor Carlo De Benedetti, der über den Informatik-Konzern Olivetti herrscht. Übertroffen wird die Macht Gardinis nur noch von der des Fiat-Chefs Giovanni Agnelli.