Von Elizabeth Pond

BOSTON. – Deutschland – die „verspätete Nation“, der politische Zwerg mit chronischer Identitätskrise: Deutschland führt den Treck in die europäische Zukunft an. Auf diesem Weg könnte sich seine eigene Situation normalisieren und zugleich eine europäische Einheit entstehen wie unter Karl dem Großen, nun eine dezentralisierte, föderative und post-nationale Einheit.

Ich finde, die spannendste Frage ist nicht, was nach der Vereinigung aus der „Noch-DDR“ wird, spannender scheint mir der selten diskutierte Aspekt, was mit der Einigung aus der „Noch-Bundesrepublik“ und aus Europa werden wird.

Vermutlich leben am Ende des Prozesses Deutschland und Europa in Frieden miteinander wie seit dem Mittelalter nicht mehr, ja wie vielleicht noch nie. Der momentane Mißmut in Deutschland wird sich verflüchtigen, er ist Ausdruck vorübergehender Unsicherheiten wie Ansporn, die Schwierigkeiten zu lösen.

So gesehen bringt eine entnationalisierte und dezentralisierte Bundesrepublik weit bessere Voraussetzungen für die neue Ära eines supranationalen Europas der neunziger Jahre mit als Frankreich oder England, ganz zu schweigen von der Sowjetunion. Die Deutschen büßten 1945 ihre Souveränität und ihren Nationalstolz ein. Sie haben diesen schmerzlichen Verlust bereits hinter sich, wenn die Europäische Gemeinschaft an Macht und Einfluß gewinnt. Das heroische Vaterlandsgefühl des 19. Jahrhunderts eint die Deutschen längst nicht mehr. Sie verbindet die alltägliche Konsum-Übersättigung. Ihr Land war über Jahrhunderte in Fürstentümer zersplittert, föderativ und dezentralisiert. Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges zwangen den Deutschen daher keine künstliche politische Struktur auf. So werden sie sich unschwer auf politische Vorgänge im regionalen Auf und Ab eines neuen Europa einzustellen wissen. Das Endergebnis der deutschen Einigung könnte ein demokratisches und ökonomisches Wunder in der DDR, ein entkrampfter politischer Konsens in der Bundesrepublik und eine neuartige Form der Zusammenarbeit in Europa sein.

In der „Noch-Bundesrepublik“ bringt diese Vereinigung aus heiterem Himmel Rechte und Linke einander näher – trotz aller Bemühungen Lafontaines, diesen Tatbestand zu verschleiern. Die Konservativen sind vom Regieren völlig in Anspruch genommen und damit beschäftigt, die Details der Finanzpolitik, der Rentenfragen und die verzwickten Eigentumsansprüche zu klären. Diese Aufgaben sind so vordringlich, daß die Bundesrepublik schon jetzt über ihre bisherige eindimensionale ökonomische Fixierung hinauswächst, die Kurt Biedenkopf beklagte. Bislang ungenutzte politische Energien werden so beansprucht, daß jede Suche nach einer metaphysischen Identität im Sinn eines überholten Nationalismus ausgeschlossen wird. Und nicht zuletzt beraubt die schnelle Vereinigung die Ultra-Rechten endgültig ihrer Vision von einer Rückgabe der an Polen verlorenen Gebiete.

Der linken Opposition bleibt in diesen historischen Tagen nicht viel mehr als eine „Wir-auch“-Politik und der eher traurige Luxus, über den Umbruch zwar philosophisch zu debattieren, aber nichts wirklich Vernünftiges tun zu können. Die Fehde um Christa Wolf ist ein Beispiel. Weitaus sinnvoller sind die internen Diskussionen in der westdeutschen Linken über deutsche Identität und Utopien, ausgelöst von Peter Schneider und Brigitte Seebacher-Brandt in der taz und der Frankfurter Allgemeinen November vorigen Jahres. So wie der Wahlerfolg der Grünen in den achtziger Jahren die ideologische Selbstzufriedenheit der Rechten erschütterte, untergräbt heute die Bestätigung Adenauers, wonach deutsche Einheit und Zugehörigkeit zum Westen einander bedingen, die ideologische Selbstgewißheit der Linken.