Die SPD verkauft sechs Hektar Brachland für wenig Geld und handelt sich damit viel Ärger ein

Von Michael Sontheimer

Mitten auf dem Ödland des Potsdamer Platzes steht neben einer Bretterhütte ein kleiner Galgen. In der fachgerecht geknüpften Schlinge hängt ein dreizackiger Stern. Sanft schaukelt das Markenzeichen der Daimler-Benz AG im Wind, der hier, wo der einstige Todesstreifen besonders breit ist, kräftiger weht als anderswo in Berlin.

„Könnt ihr mal was spenden für den Kampf gegen Daimler am Potsdamer Platz“, fragt ein junger Autonomer mit roten Haaren und einer Camouflage-Hose neugierige Touristen. Rund zwanzig Platzbesetzer hausen hier seit Anfang Mai in Hütten und Zelten, von Tag zu Tag werden es mehr. Mit der Parole „Hafenstraße bleibt“ hat sich offenbar eine Freundschaftsdelegation aus Hamburg an einem Mauerrest verewigt, ein Transparent proklamiert: „Widerstand gegen Daimler-Bonz“.

Die Autonomen, beständig auf der Suche nach schlagender Symbolik und klaren Feindbildern, haben für die nächsten Jahre ausgesorgt. Über die rasante Vereinigung der beiden Halbstädte beinahe in Vergessenheit geraten, können sie jetzt den Aufstand gegen den größten europäischen Rüstungskonzern proben. „Das wird ein schönes Spektakel werden“, malt sich ein Spaziergänger die Konfrontation um den geplanten Daimler-Monumentalbau aus. Ein besseres Demonstrationsziel für die „revolutionäre schwäbische Landjugend“ könne man sich kaum vorstellen. Er hat schon eine Baustelle mit Sicherungsanlagen à la Wackersdorf vor Augen: „Dafür ließen sich dann auch die guten alten Mauerplatten recyclen.“

Der Potsdamer Platz hat schon viele Kämpfe gesehen. Keine dreißig Meter vom Hüttendorf entfernt rief Karl Liebknecht am 1. Mai 1916: „Nieder mit dem Krieg, nieder mit der Regierung“ und wurde umgehend ins Zuchthaus geworfen. Im Januar 1919 schossen sich hier die Spartakisten mit Noskes Freikorps. Bis zum 1. Mai 1945, als das Großdeutsche Reich in seiner Hauptstadt noch zwölf Straßenzüge beherrschte, trotzte an dieser Stelle ein Tiger-Panzer der Waffen-SS inmitten rauchender Trümmer den siegreichen Soldaten der Roten Armee. Und am 17. Juni 1953 vertrieben die sowjetischen Panzer gemeinsam mit ihren Waffenbrüdern der Volkspolizei Ost- und Westberliner, die gegen den SED-Staat demonstrierten.

Wer weiß das heute noch? Die englischen und amerikanischen Bomberpiloten, anschließend die Stadtplaner aus beiden Teilen Berlins, die mit Dynamit die Vergangenheit bewältigten, und schließlich die Konstrukteure des „antifaschistischen Schutzwalls“ – sie alle sind mit solcher Gewalt über das Gelände gegangen, daß man detaillierte stadthistorische Kenntnisse braucht, um rekonstruieren zu können, wie es hier einmal ausgesehen hat. In der Mauer-Ära, als Touristen und Staatsgäste von einer Aussichtsplattform über den mit Graffiti überzogenen Betonwall auf den Todesstreifen-Sozialismus hinabschauen konnten, war wenigstens die alte Straßenführung am Potsdamer und angrenzenden Leipziger Platz noch auszumachen. Nach dem Fall der Mauer wurde auch dieses Gerippe unter autogerechtem Asphalt begraben.