Müssen wir denn allen Glaubenssätzen abschwören? Es ist ein hartes Brot, das uns die sogenannten historischen Ereignisse servieren. Wir kauen und kauen, die Plomben fallen uns aus. Parka und Latzhose haben wir zur Altkleidersammlung gegeben, mit der Mao-Bibel spielt die Kleine, das „Kapital“ steht auf dem Dachboden. Längst hat Ikea den Elch abgeschafft, und auch wir gehen mit der Zeit, lesen Vogue statt taz und „Was bleibt“ anstelle von „Was tun“. Kurz: Redlich geben wir uns Mühe. Wir haben es lernen müssen: Jesus lebt, Marx ist tot, und Blüm geht es auch nicht gut.

Aber Kohl. Der Mann mit dem Saumagen. Daß der dick und doof war, darauf hatte man sich doch immer verlassen können. Da waren wir uns doch immer einig gewesen. Zugegeben, so gut wie Strauß (F.J.) war Kohl nie. Jener ein Haßobjekt, dieser ein Lachobjekt. Immerhin. Viele Titanic- Hefte lang leuchtete die Kanzlerbirne. Und wie oft haben stern und Spiegel und ZEIT den Mann vernichtet. Es war uns eine Freude.

Und jetzt? Das kann doch nicht alles gewesen sein. Müssen wir über Dings, äh, Schelesnowodsk nach Canossa? Augstein vergleicht ihn mit Lincoln. Lincoln! Und Martin Walser sagt: „Nach meinem Zuschauerempfinden hat er nichts verdorben und nichts falsch gemacht. Es tut mir leid, mir imponiert das.“ Es tut ihm leid. Uns auch. Wieder ein Feind weniger. Gibt es denn überhaupt niemanden mehr, gegen den man etwas haben kann?

Der stern wenigstens, dachten wir, der stern wird doch hart bleiben. Von wegen. Im letzten Heft jubelte Schmidt-Holtz: „Der Kanzler hat im richtigen Moment groß gedacht und gehandelt.“ Da muß einfach Schmidt-Holtz im richtigen Moment groß denken und dröhnen.

Ich war immer gut in Hölderlin, hat Kohl einmal gesagt. Was haben wir gelacht. Und jetzt lacht er. Und ist sogar zu witzigen Repliken imstande. Bald wird er Kanzler des vereinigten Deutschlands sein. Wer denn sonst?

Melancholisch denken wir an jenen wunderbar haßerfüllten Essay von Karl Heinz Bohrer zurück, damals 1984 im Merkur, als er über Kohls Mannschaft schrieb: „Die Häßlichkeit dieser Männer war eine besondere Häßlichkeit. Es war nicht das Fett allein, es war diese Fleischigkeit. Landschaften aus Fleisch und Fett...“ Kohls Grinsen war ihm aufgefallen. „Er bettelte mit diesem Grinsen um Ablaß von etwas. Oder aber triumphierte er im schieren Behagen seines Behagens?“ Letzteres, lieber Bohrer, letzteres.

Was bleibt? Was tun? Ästhetische Kritik am unästhetischen Gegenstand hat sich erledigt. Einem Gewichtheber kann man schlecht vorwerfen, daß er breitbeinig geht. Kohls Breitbeinigkeit taugt nicht mehr für den kulturkritischen Stammtisch. Da sitzen wir nun und denken an damals. So dick und doof wie einst Kohl kriegen wir keinen mehr. So dick und doof müssen wir schon selber werden, wenn es denn noch was zum Lachen geben soll. Das wäre doch gelacht. Saumagen, komm über uns und erlöse uns von unserer Niedertracht. Finis