Von Matthias Naß

Für die Europäer war 1989 ein Jahr der Freude, in dem die östliche Hälfte des Kontinents nach über vierzig Jahren kommunistischer Herrschaft einen beispiellosen Aufbruch zu Freiheit und Domokratie erlebte. Ganz anders in China. Auch dort hatte die Kommunistische Partei, seit 1949 an der Regierung, einen – wie es ihre Führung selbst formulierte – „Kampf auf Leben und Tod“ zu bestehen. Sie sicherte ihre Macht mit blutiger Gewalt: Panzer und Maschinengewehre setzten der Demokratiebewegung in Peking am 4. Juni ein schreckliches Ende.

Edgar Bauer, China-Korrespondent der Deutschen Presseagentur, hat die sieben dramatischen Wochen vom Tod des populären Ex-Parteichefs Hu Yaobang am 15. April 1989 bis zum Massaker am Platz des Himmlischen Friedens miterlebt. An Schlaf war in diesen aufwühlenden heißen Frühlingstagen und -nächten oft nicht zu denken. Immer wieder fuhr Bauer noch spät am Abend zum Campus der Peking-Universität, zu den Hungerstreikenden auf dem Tiananmen-Platz. Er mußte allein schaffen, wofür der großen Konkurrenz von AP, Reuters und AFP jeweils ein ganzes Team zur Verfügung stand.

Die schnelle, verläßliche Meldung ist die tägliche Arbeit des Agenturjournalisten; Bauer hat sich dieser Pflicht mit fast besessenem Eifer unterzogen. Später, als in Peking bleierne Ruhe eingekehrt war, hat er sein Material noch einmal geordnet, hat sich die Zeit zur Reflexion des Erlebten genommen. Herausgekommen ist dabei ein lesenswertes Buch, die beste Darstellung über das Drama des „Pekinger Frühlings“, die bisher in deutscher Sprache vorliegt. In die präzisen Beobachtungen des Reporters ist das sichere Urteil des Sinologen eingeflossen, das dem Bericht über die Tagesaktualität hinaus Gewicht gibt.

In klarer Gliederung und straffer Darstellung zeichnet Bauer noch einmal die Stationen der historischen Revolte gegen die Diktatur des Parteiapparats nach: die ersten mutigen Demonstrationen, der Hungerstreik auf dem Platz des Himmlischen Friedens, das Umschlagen der Studentenbewegung zum Volksaufstand, der blutige Armeeeinsatz, die anschließende Verfolgung der Dissidenten. Parallel zum äußeren Ablauf der Ereignisse schildert Bauer den verbissenen Machtkampf in der Parteiführung. Und er zählt die Kosten des „Großen Sprungs rückwärts“ auf: den Vertrauensverlust der KP im Volk, die wirtschaftliche Stagnation, die verhängnisvolle außenpolitische Isolierung Chinas.

Wohin steuert das Reich der Mitte? Bauer ist zu Recht pessimistisch: „Keine der Ursachen für die Frühjahrs-Proteste der Studenten ist beseitigt worden.“ Auch wenn es der orthodoxen „Clique der Greise“ noch einmal gelungen ist, den Ruf nach Demokratie zu ersticken und das eigene Machtmonopol zu verteidigen, bequem sitzt sie nicht auf den Bajonetten ihrer Soldaten. „Der große Erfolg der Studentenbewegung lag darin“, schreibt Bauer, „daß sie die städtische Bevölkerung aufrüttelte. (...) Der spontane Volksaufstand trug den Charakter einer riesigen bürgerlichen Aufklärungsbewegung.“

Wenn der 85 Jahre alte Deng Xiaoping erst einmal „zu Marx gegangen“ ist, wird hinter den Mauern der Regierungszentrale Zhongnanhai – wie schon so oft in der Geschichte der Volksrepublik – ein gnadenloses Ringen um die Macht beginnen. Ob die Armee sich dann hinter den im Volk verhaßten Kriegsrechtspremier Li Peng stellen wird, ist ungewiß. Die Reformer um den gestürzten Parteichef Zhao Ziyang haben zwar eine Schlacht verloren. Aber Dengs Kalkül (Bauer zitiert ihn mit dem Satz: „Wenn wir 200 000 Studenten töten, dann werden wir für die nächsten 20 Jahre Stabilität haben.“) könnte sich als trügerisch erweisen.

In den Augen der meisten Chinesen hat die Kommunistische Partei mit dem Pekinger Blutbad das Mandat des Himmels endgültig verloren. Doch die „roten Mandarine“ werden ihre Macht – anders als etwa die KP-Führer in Warschau oder in Budapest – gewiß nicht freiwillig teilen oder gar kampflos aufgeben. „Chinas langer Marsch aus der totalitären Diktatur“, lautet Edgar Bauers realistische Prognose, dürfte „noch sehr gewunden und von Gewalt, Rückschlägen und hohen Opfern begleitet“ sein.