Von Atemnot geplagt, mit "eitrigem Mund", auf dem Kopf eine rote Zipfelmütze, beginnt der Vorsitzende eines Wiener Vegetariervereins im Sommer 1870 in einer Hinterhofwohnung seine Memoiren zu schreiben. Er heißt Gustav Struve, ist 65 Jahre alt, und eigentlich müßten seine Altersgenossen, sofern sie sich einmal für deutsche Politik interessiert haben, ihn kennen. In "Meyers Konversationslexikon" steht zu dieser Zeit immerhin ein 54 Zeilen langer Artikel über ihn. Man erfährt daraus, daß Struve 1805 in München als Sohn eines adligen Diplomaten in russischen Diensten geboren wurde und ein "republikanischer Agitator" war, indem er die badischen Aufstände von 184849 anführte.

Hundert Jahre später, also in unseren Tagen, zählt der Lexikon Eintrag gerade noch acht Zeilen. Diesen entnehmen wir, daß der Mann nicht eben ein Gesetzloser gewesen sein kann, denn er hat in den Monaten seiner radikalpolitischen Aktivität auch ein vierbändiges Standardwerk, "Grundzüge der Staatswissenschaft", veröffentlicht, später einen Ratgeber mit dem Titel "Pflanzenkost. Die Grundlage einer neuen Weltanschauung". Von den Einkünften aus dem damaligen Kultbuch des Vegetarismus mußte es sich eigentlich eine Weile einigermaßen gut leben lassen. Doch wirklich gut gelebt hat der extrem vielseitig Engagierte und oft Unbehauste nie: weder in Baden, das ihm zur Heimat wurde, noch im englischen, amerikanischen und österreichischen Exil. Er selbst nannte sich in selbstkritischer Stunde einen "geborenen Verlierer", was er indes nicht in jeder Hinsicht war. Noch nie von diesem wunderlichen vegetarischen Revolutionär gehört zu haben ist sicherlich keine nennenswerte Bildungslücke. Doch es lohnt sich, sie jetzt zu schließen - mit Hilfe seiner "Denkwürdigkeiten", wenn auch auf dem Umweg über einen Roman. Die Entstehung dieser Lebenserinnerungen spiegelt ein Stück heute fast vergessener Literatur- und Demokratiegeschichte wider. Der Ex Revolutionär und einstige Volksvertreter, den das verzagte Volk schon nach kurzer Zeit nur noch als Störer ihrer Bürgerruhe betrachtete, wollte seine biographischen Aufzeichnungen als Gegendarstellung verstanden wissen.

Kurz zuvor hatte Gustav Freytag, der enthusiastisch nationalgesinnte Lieblingsschriftsteller der Gründerzeit Gesellschaft, eine lobhudelnde Lebensbeschreibung des Paulskirchen Abgeordneten Karl Mathy verfaßt, der sich vom Kampfgefährten und Trauzeugen Struves zum persönlichen Feind und Verräter an den Idealen der Demokratie gewandelt hatte. Durch dieses reaktionäre Elaborat sah Struve "die Waage der Gerechtigkeit aus dem Gleichgewicht geraten", und er beschloß, das sensible Instrument durch eine letzte gewaltige Anstrengung seiner Feder wieder ins Lot zu bringen. Was er, der Verfasser zahlreicher, teilweise recht erfolgreicher Bücher, Herausgeber, Redakteur und Mitarbeiter von ein paar Dutzend Zeitungen, sich wohl nicht vorzustellen vermochte: daß seine "Denkwürdigkeiten" nie publiziert werden würden. Bis heute liegt das Manuskript ungedruckt im Bundesarchiv Koblenz (Außenstelle FrankfurtMain).

Dafür jedoch kann man die fiktive Selbstbiographie Struves lesen, die ein Autor unserer Tage dem ebenso hartnäckigen wie glücklosen Vorkämpfer für eine "soziale Bundesrepublik Deutschland" mehr nachgeschaffen als angedichtet hat:

ü Michael Kunze:

Der Freiheit eine Gasse Traum und Leben eines deutschen Revolutionärs; Kindler Verlag, München 1990; 960 S, 49 80 DM Struve selbst könnte mit dem Ergebnis recht zufrieden sein.

Die uns bislang vorenthaltene eigene Niederschrift seines Werdegangs kann kaum ausführlicher, nicht beflissener in der volkspädagogischen Ausbreitung von klassischem Bildungsgut, nicht überzeugender in der Propagandierung von Demokratie, "vegetabilischer Lebensweise" und der von ihm übertrieben hochgeschätzten Galischen Schädellehre sein. Und was die Sprache betrifft: Das ist exakt der Stil, den wir gewöhnlich in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datieren - von einigen anachronistisch wirkenden Formulierungen abgesehen. So könnte Struve tatsächlich geschrieben, gedichtet, die Höhepunkte seiner Laufbahn mit Aktenauszügen dokumentiert und immer wieder (bis zum Überdruß des Lesers) seine Vorbilder Dante und Rousseau zitiert haben. Die stilistische Anpassung erreicht in vielen Abschnitten eine solche Perfektion, daß man die Echtheit und Glaubwürdigkeit dieses doch pseudo struvischen Textes nicht in Zweifel zu ziehen wagt und selbst auffällige Irrtümer unwillkürlich auf das Konto des bereits erbärmlich siechen Memoirenschreibers bucht, statt sie dem wahren Autor anzulasten (Zum Beispiel, daß Hoffmann von Fallersleben das später sogenannte "Deutschlandlied" nicht erst nach 1847, sondern schon 1841 gedichtet und veröffentlicht hat ) Andererseits lächeln wir verzeihend über Struves tragikomische Selbstüberschätzung, wenn er, der jedesmal noch weit vor dem Ziel Stolpernde, seine