Eine Woche vor Ausstellungsbeginn hat Kurt Kranz die Retrospektive, die ihm die Hamburger Kunsthalle zum achtzigsten Geburtstag ausgerichtet hat, auf seine Weise voreröffnet: Zusammen mit der Malschule des Hauses veranstaltete er drei Tage lang eine Bauhaus-Schule. Und als dann die Ausstellung eröffnet wurde, saßen einige der jungen und alten Hamburger Schnellkurs-Bauhäusler, die begeistert mit Kranz gearbeitet hatten, immer noch in den Museumsräumen und werkelten allein weiter.

Die ansteckende Lust am Lehren und Lernen hat das Leben von Kurt Kranz bestimmt, das des Lehrers und das des Künstlers. Man sieht es an seiner Biographie, in der die Aufenthalte an Schulen und Akademien einen großen Teil des Lebens ausmachen: 1925-1930 Lehrling der Lithographie in Bielefeld, 1930-1933 Bauhaus-Schüler in Dessau, 1950-1972 Lehrer an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, während dieser Jahre viele Gastdozenturen in Amerika. Und man sieht es in seinen Arbeiten, wo von dem frühen, schon vor der Bauhaus-Zeit entstandenen Zyklus „Zwanzig Bilder aus dem Leben einer Komposition“ bis hin zu den oft in Serien und Reihen angelegten späten Acryl-Bildern für Kranz nie das Ergebnis, nie das einzelne Bild das Ziel war. Keine endgültige Form gab oder gibt es für ihn, sondern nur die experimentelle Formreihe, kein Bild als Meisterwerk, sondern nur die Varianten der Bilderreihe.

Eine „Verbindung von Werkstattarbeit, freier Kunst und Wissenschaft“ hatte Hannes Meyer, der Nachfolger des Bauhaus-Gründers Walter Gropius, den Studenten und Lehrern in Dessau angekündigt und das, wie ihm schien, verschwärmte Konzept („Überall erdrosselte Kunst das Leben“) des Weimarer Bauhauses um einen marxistisch orientierten Funktionalismus („Volksbedarf statt Luxusbedarf“) erweitert.

Kranz, der bei Josef Albers, Joost Schmidt und dem Photographen Walter Peterhans in die Klasse ging und außerdem bei Klee und Kandinsky Kurse belegt hatte, ließ sich in keine Polarisierung treiben. Bei Albers, dessen Vorkurs er besuchte, lernte er, daß schöpferische und wissenschaftliche Arbeit einander nicht ausschließen und daß auch die Kunst eine Forschungsdisziplin sein kann. Bei Klee, dessen „Pädagogisches Skizzenbuch“ er sich schon 1929 angeschafft hatte, sah er den Rückgriff der Kunst auf die Muster der Natur, eine Erfahrung, die sich noch in Kranz’ „Ammoniten“-Bildserie von 1975 spiegelt, in der die zentrifugale Kraft der Spiralform erprobt und in wechselnden Form- und Farbkonstellationen durchgespielt wird. Und bei Peterhans schließlich bekam der Student den Anstoß, frei und frech auf dem Gebiet der Photographie und Photomontage zu experimentieren. Obwohl man in diesen Montagen und Collagen der frühen dreißiger Jahre sehr deutlich das Umfeld der Zeitgenossen von Max Ernst bis zu Hannah Hoch und nicht zuletzt auch die kühnen Bildfindungen der Bauhaus-Photographie mitsieht, haben gerade diese Arbeiten von Kranz auch heute noch den Reiz des ganz Neuen.

„Ich habe das Gefühl, nach jeder Seite geht es ins Unendliche“, hat Kurt Kranz in einem Gespräch mit Irma Schlagheck gesagt. Unendlich ist die Reihe der Formverwandlungen, die Kranz durchspielt, besonders in den Faltobjekten mit beweglichen Teilen und den mehrteiligen Konstellationsbildern, die endlose Spiel- und Veränderungsmöglichkeiten haben. Unendlich ist auch die Reihe aufeinander folgender einzelner Bilder, eines verdankt sich als Variation dem anderen, alle sind Teil eines fortlaufenden Prozesses der Verwandlung.

„Das unendliche Bild“ – mit diesem Ausstellungstitel für die Retrospektive hat Werner Hofmann auch den Kern des Œuvres von Kurt Kranz charakterisiert: die Offenheit, Weite und Beweglichkeit beim Namen genannt, aber auch das immer Unvollendete. Der Bauhaus-Diplomand Nummer 110 und Inhaber eines 1932 erteilten Patents von im Rasterverfahren hergestellten Bildern (haben Lichtenstein und Polke ihm schon die Gebühren entrichtet?) ist auch heute noch dabei, das letzte Bild zu verhindern. (Kunsthalle bis zum 2. September; danach Bauhaus-Archiv, Berlin, 19. September bis 18. November; Josef Albers Museum, Bottrop, 3. Februar bis 7. April 1991; Katalog 36 Mark) Petra Kipphoff