Aber der weiße Terrorismus und der Erwartungsdruck der schwarzen Mehrheit gefährden die Überwindung der Apartheid

Von Marion Gräfin Dönhoff

Johannesburg, Ende Juli

Man hat inzwischen ganz vergessen, mit welchem Bombast das britische Weltreich sich in Asien – beispielsweise in Delhi – oder in Afrika darstellte. Hier in Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas, wird dies noch einmal ganz deutlich. Wenn man oben auf dem Berg vor dem Union House steht, dem Sitz des Präsidenten, und über die Flucht von Terrassen und Treppen hinunterschaut auf die Stadt, dann spürt man den Anspruch von Macht und Herrschaft, der sich hier manifestiert. Union House ist kaum weniger eindrucksvoll als das Capitol in Washington.

Die Bibel kommt einem in den Sinn und die Szene auf dem Berg der Versuchung: „Dies alles will ich dir geben, so du niederkniest und mich anbetest“ – mich, den Reichtum und die Macht.

Der Erfolg ist nicht ausgeblieben:98 Prozent der Produktionsmittel sind in weißer Hand, 87 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes gehören den Weißen ... obgleich es doch nur fünf Millionen Weiße gibt gegenüber dreißig Millionen Nichtweißen. In einer Zeit des Erwachens unterdrückter Völker kann ein solcher Zustand keinen Bestand haben. Die Revolution in Südafrika verläuft zwar anders als die im Osten, aber in einer Hinsicht gibt es Ähnlichkeiten. Auch hier vollzieht sich ein dialektischer Wandel von Macht und Ohnmacht: Die bisher ohnmächtigen Unterdrückten haben die Furcht überwunden und Selbstbewußtsein gewonnen – ihre Unterdrücker aber, die bisher Mächtigen, beginnen, sich zu ängstigen.

Die Regierungen in Südafrika hatten geglaubt – und viele Konservative unter den Weißen glauben dies heute noch –, daß sie nur überleben könnten, wenn alles so bleibt, wie es ist. Darum haben sie den bestehenden Zustand mit Klauen und Zähnen – mit Polizei, Terror und Sondergesetzen – verteidigt. F. W. de Klerk ist der erste Präsident, der erkannt hat, daß dies nicht möglich ist. Er weiß, daß es ein Überleben nur gibt, wenn die südafrikanische Gesellschaft sich verändert, wenn sie nicht länger versucht, die Uhr anzuhalten, um den Prozeß der geschichtlichen Entwicklung zu stoppen.