Usingen

Sie lügen alle.“ Rudolf Brehm steht auf seinem Balkon und droht mit der geballten Faust gegen die Mülldeponie Brandholz, die in einer Entfernung von nur 500 Meter Luftlinie nicht zu übersehen ist. Wie von Riesenhand hingeklatscht liegt der Drecksberg fremd zwischen den sanften Hügeln des Hintertaunus. Westlich von der hessischen 6000-Seelen-Gemeinde Usingen stinkt der Müll gen Himmel. „Und wir haben hier 300 Tage Westwind im Jahr.“

Was den Apotheker Brehm so wütend macht, ist eine Entscheidung des Frankfurter Umlandverbandes (UFV), der für 1,5 Millionen Menschen aus 43 Kommunen im Rhein-Main-Gebiet den Müll entsorgt. Die Müllkippe Brandholz soll jährlich 50 000 Tonnen nichtbrennbaren Abfall mehr als bisher aufnehmen.

Der Grund: Die Großdeponie Buchschlag, die bislang fast die gesamten Wohlstandsreste der Frankfurter schluckte, ist im Mai geschlossen worden. Ersatz ist bisher nur angedeutet, aber noch nicht geschaffen. Und weil sie nicht wußten, wohin mit dem Dreck, haben das Umweltministerium in Wiesbaden und der Großverband beschlossen, den Müll auf ganz Hessen aufzuteilen. Nicht nur Brandholz, auch die Kippe Wicker, auf halbem Weg zwischen der Mainmetropole und Wiesbaden gelegen, ist von dem Frankfurter Müllnotstand betroffen. Dort sollen jährlich sogar 200 000 Tonnen Abfall landen. Die Anwohner gründeten Bürgerinitiativen und gehen mit Unterschriftenlisten und Protestveranstaltungen dagegen vor.

Auf wundersame Art und Weise scheinen sie Erfolg zu haben. Der Müll ist weniger geworden. Jedenfalls trat Thomas Rautenberg, oberster Müllmann im Rhein-Main-Verband, in der vergangenen Woche mit der Botschaft an die Öffentlichkeit, fast ein Drittel des Großstadtabfalls sei verschwunden. In Brandholz sind statt der vorausgesagten 23 000 Tonnen bisher nur 15 000 angekommen, und in Wicker sind die Verhältnisse ähnlich.

Doch die Südhessen, denen Frankfurts Dreck vor die Haustür gekippt werden soll, geben sich keiner trügerischen Hoffnung hin. Sie glauben nicht an den wundersamen Schwund. „Unfähigkeit der Politiker“ nennt Apotheker Brehm weiterhin den „Müllexport aus Frankfurt und dem Vordertaunus; dort wo die saturierten Großbürger ihre Villen haben“.

Für Ärger sorgt das Thema Müll verläßlich seit vielen Jahren. Schon Anfang der achtziger Jahre war abzusehen, daß die Kapazität der Großdeponie Buchschlag mittelfristig erschöpft sein würde. 1976 war die ehemalige Kiesgrube südlich von Frankfurt gefüllt, und dennoch wurde weiter abgeladen, die Kippe blieb geöffnet, auch aus Angst vor Bürgerprotesten gegen eine neue Deponie. In Buchschlag wuchs die größte Müllkippe Europas heran, zum Schluß mußte sie 1,1 Millionen Jahrestonnen, vor allem Frankfurter Bauschutt, Hausmüll und Erdaushub, verkraften.