Von Anne Linsel

Bei einem Spaziergang am Rhein in Bonn, wo er den "Frosch" in der "Fledermaus" spielt, hat ihn ein Radfahrer von hinten an- und umgefahren. Er ist so unglücklich gefallen, daß er neben Hautabschürfungen auch einen Schlüsselbeinbruch erlitten hat. Nun trägt er ein Korsett, und deshalb, so erfahre ich gleich zu Beginn unseres Gesprächs, "spannen die Hemdenknöpfe".

Als er nach dem Sturz schmerzverzerrt dagelegen habe, hätten die Radfahrer tüchtig gejammert, daß nun für sie der schöne Ausflugstag kaputt sei, erzählt der Wiener Helmut Lohner in schönstem Rheinisch, so daß man merkt, was er wohl meint: Diese Rheinländer, das ist schon ein komischer Schlag. Aber er sagt es nicht direkt, wie er im Gespräch überhaupt zurückhaltend, leise, zögernd ist.

Helmut Lohner, 1933 in Wien geboren, Sohn eines Schlossers, hat nach einer Lehre als Graphiker in Abendkursen sein Abitur gemacht, dann Schauspielunterricht genommen. Auslöser für seinen Berufswunsch war, neben dem Deutschunterricht in der Schule, vor allem das Wiener Musiktheater: Lohner erstand sich – "unter außergewöhnlichen Entbehrungen" – allabendlich einen Stehplatz in der Staatsoper. Er erlebte Furtwängler, hörte Mozart. Dessen Musik, eine "tragische Musik, die einem den Atem nimmt", begleitete ihn sein Leben lang. Anfang des Jahres hatte er "Cosi fan tutte" in Hannover inszenieren wollen. Eine Krankheit verhinderte das. Es wäre seine erste Opernregie gewesen – "ein Herzenswunsch".

In seinem Beruf plagt Helmut Lohner die Angst vor dem Mittelmaß. Die Schauspielerei – "ein mühsames Leben". Vor allem heute, da er sich nicht mehr an ein Ensemble bindet, sondern zwischen München, Wien, Bonn, Berlin, Salzburg pendelt, manchmal einen Abstecher zum Fernsehen macht, wie kürzlich aus Freundschaft bei einer Geburtstagsveranstaltung für einen Kritikerpapst. Lohner sprach Kleist vom Hotelbalkon, und sein Nestroy-Couplet endete mit dem Refrain: "Geredet wird viel auf dieser Welt, aber das wenigste ist wahr."

Warum dieser fliegende Wechsel, kein festes Engagement? "Ich hatte Angst, daß "einen die Leute in einer Stadt nach zwei oder drei großen Rollen kennen. Ich wollte kein Einrichtungsgegenstand werden." Schon wieder "Angst". Sie gehört zu seinem Leben. Aber sicher: "Wer keine Angst hat, ist ein Trottel." Ein Bergsteiger ohne Angst stürze mit Sicherheit ab. Lohner ist mit Leidenschaft Bergsteiger.

Fast alle bedeutenden klassischen Rollen an den großen deutschsprachigen Bühnen hat er gespielt: Hamlet, Richard III., Mephisto, Jago, Prinz von Homburg; er ist der Schnitzler/Horváth/Nestroy-Interpret, ein "Nestroy-Komiker von elementaren Gnaden" (Friedrich Torberg), ein Schauspieler mit "sehr viel Intelligenz und geradezu preußischer Präzision" (Georg Hensel), ein "genialer Schauspieler" (Jürgen Flimm). Er kann singen, er kann tanzen. Er hat mit Leopold Steckel, Oskar Fritz Schuh, Karl-Heinz Stroux, Fritz Kortner gearbeitet, den "Übervätern" der Regie, und arbeitet heute ebenso glücklich und intensiv mit der jüngeren Generation der Regisseure.