Wer zahlt für die Ölpest?

Von Otto Wilfert

Vor mehr als zwölf Jahren, am 16. März 1978, strandete auf einem Felsen vor dem Dorf Porsall in der Bretagne ein gewaltiger Öltanker, die Amoco Cadiz. 220 000 Tonnen Rohöl liefen aus; ein starker Westwind trieb die schwarze Flut rund 250 Kilometer weit nach Osten, die Küste entlang. Helle Sandstrände verwandelten sich binnen Minuten in einen finsteren Morast, auf die Granitfelsen legte sich ein glitschiger Film, Vögel verendeten zu Tausenden, Austern- und Muschelzuchten verdarben für Jahre.

Man begann sofort mit der Reinigung der Strände und Felsen. Es galt, die Saison zu retten. Hilfstrupps der französischen Armee, ja sogar Freiwillige aus ganz Europa versuchten mit primitiven Mitteln die Ölschicht abzutragen, Steine und Hafenmauern abzukratzen und verendende Tiere zu bergen. So eindrucksvoll und rührend das war, die oft unüberlegten Aktionen richteten manchmal noch größeren Schaden an. Der Ölschlamm war tatsächlich bald weg, aber an vielen Stellen wurde die so wichtige Dünenvegetation mit abgetragen und hat sich bis heute nicht wieder erholt.

Verheerend wirkte die Ölflut auf Vögel und einige Fischarten. Das Öl zerstörte Brut und Laichplätze. Seltene Vogelarten wurden dezimiert, Fischbestände gingen zurück. Plattfische, die im Sand laichen, sind bis heute in Küstennähe nicht mehr zu finden.

So schnell und entschlossen die bretonischen Bürgermeister die Reinigungsarbeiten organisierten, so schnell und entschlossen versuchten sie den oder die Verantwortlichen für das Unglück zu finden und vor Gericht zu stellen. Sie konnten damals noch nicht wissen, auf welch harte Probe ihre gallische Zähigkeit gestellt werden würde. Heute, zwölf Jahre später, ist das Verfahren immer noch weit von einem Abschluß entfernt. Zu Beginn dieses Jahres wollten einige der beteiligten 78 Gemeinden aufgeben. Aber im April haben sie beschlossen, durchzuhalten und die Firma Amoco in die Knie zu zwingen. Von ihr haben die Geschädigten bis heute keinen Dollar bekommen, nur Überbrückungshilfen vom französischen Staat.

Die Bretonen dachten, daß ein Tanker einen Reeder habe, und den müsse man anklagen können. Das war schon falsch. Natürlich wußte man sehr bald, für wen der Tanker unterwegs war: für Standard Oil of Indiana, Firmensitz Chicago. Aber Standard Oil hatte vorgebaut. Die Firma behauptete, Amoco Cadiz gehöre ihr nicht, sondern einer Transportgesellschaft namens Amoco. Nominell war Amoco tatsächlich eine eigene Firma, aber im Besitz von Standard Oil. Was erst einmal zu beweisen war. Die Amoco Cadiz hieß deshalb so, weil dieses Schiff im spanischen Cadiz gebaut worden war. Die Herren in Chicago hatten noch einen Schleier geworfen: Sie dirigierten zwar die Transportfirma Amoco und alle einzelnen Schiffe von Chicago aus, die Firma Amoco aber hatte ihren Sitz in Liberia.