Von Rainer Frenkel

Seinen wunderschönen elegischen Hymnus „Im Ruhrgebiet“, illustriert mit Chargenheimers Photographien, beginnt Heinrich Böll so: „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden; die Provinz, die diesen Namen trägt, weil man keinen anderen für sie fand, ist weder in ihren Grenzen noch in ihrer Gestalt genau zu bestimmen; das Wort Ruhr hat sowohl mythischen Beiklang wie den Unterton begrifflicher Sprödigkeit. Gedankenverbindungen lösen sich aus, wenn der Name dieses kleinen Flusses fällt, der aus lieblichen sauerländischen Tälern kommt: Krupp – Essen – Kanonen – Bergleute – Macht. Da unten, da oben, da im Westen – sagen die Deutschen – da riecht es nach Ruß und Geld, nach Hütten und Kohlenstaub, nach den Abgasen der Kokereien, den Dämpfen der Chemie – und es riecht nach Macht. Denn Stahl und Kohle sind Macht.

Aber es riecht dort vor allem nach Menschen, nach Jugend, Barbarei und Unverdorbenheit; Venus hat dort keine Tempel, Dionys keine heimlichen Anbeter; nur in den Städten, die schon Städte waren, bevor der Sturm begann, mögen Venus und Dionys ihre Katakomben haben. Die Christen tänzeln dort nicht auf der Rasierklinge der Paradoxie: Gott ist Gott, und Sunde ist Sünde. Jede vierte Großstadt hat dort ihren Platz, jeder achte Bundesdeutsche seine Heimat; in hundert Jahren ist die Bevölkerungszahl ums Fünfzehnfache gestiegen, während sie in Deutschland kaum ums Dreifache stieg. Doch bleiben auch Zahlen nur Mystik oder begrifflicher Stacheldraht, solange der Gegenstand, den sie erklären sollen, unbekannt bleibt: 6 000 000 Menschen, 120 000 000 Tonnen Kohle, 10 000 000 Tonnen Stahl – da wird die Wirklichkeit hinter Nullen versteckt, wird die Provinz, in der die Menschen leben, die Kohlen gefördert werden, der Stahl erzeugt wird, in nebelhafte Ferne gerückt. Entdeckt ist das Ruhrgebiet noch nicht. Es bleibt Mythos oder Begriff und ist doch Heimat, so geliebt wie jede andere Heimat.“

Es ist das Jahr 1958. Die Menschen dort arbeiten – nach zwei Kriegen, die ohne ihre Ausbeutung nicht zu führen gewesen wären – soeben am deutschen Wirtschaftswunder. Und niemand kann sich vorstellen, daß sie einmal uberflüssig wurden. Der Mythos Kohle, der auch bei Böll trotz aller Schrecken der Macht ein Fortschritts-Mythos ist, erscheint unberührbar. Hundert Jahre lang haben ihm eine Region und Menschen alles gegeben und nur von ihm gelebt. Hundert Jahre lang war hier die Macht zu Hause.

Sie hielt nicht einmal mehr eine Generation lang. Kohle und Stahl brauchen heute Hilfe. Es riecht nicht mehr nach Ruß und Geld, vielmehr nach Arbeitslosigkeit. Noch bevor das Ruhrgebiet eine Chance hatte, im Böllschen Sinne entdeckt zu werden, hat es seine diffuse Gestalt verloren. Und es paßt auf zynische Weise zur Geschichte dieses kolonialisierten Landstrichs, daß an einigen Schreibtischen geplant wurde und wohl auch noch geplant wird, Deutschlands oder gar Westeuropas Industrie hier zu entsorgen – vom industriellen Herzen zum Müllhaufen der Nation.

Oder doch nicht? Oder doch: Siebzig Kilometer Hoffnung, wie Manfred Sack hier vor einer Woche schrieb?

Tatsächlich haben in der Landeshauptstadt Düsseldorf ein paar Menschen begonnen, darüber nachzudenken, ob es richtig sei, Vergangenheit einfach zu verschütten. So ist denn die „Internationale Bau-Ausstellung Emscher-Park“ der Versuch industrieller Vergangenheitsbewältigung. Daß er gerade in der Emscher-Region, dem nördlichen Ruhrgebiet, gewagt wird, beweist historische und soziale Konsequenz: Hier haben die Kolonialherren über Land und Menschen am unerbittlichsten verfügt, hier ist heute die menschliche und die ökologische Not größer als anderswo. Zu verstehen ist dies nicht ohne einen kurzen Blick zurück in die Geschichte der Kohle und damit in die Geschichte der Industrialisierung des Ruhrgebiets und darin speziell die der Emscher-Region.