Von Klaus Behling

Haben Sie vielleicht eine Zigarette für uns?“ fragt der schüchtern wirkende Kambodschaner im Frühjahr 1979 mitten im von vietnamesischen Soldaten wimmelnden Phnom Penh, und der ausländische Besucher vermutet zunächst eine auf seine Kosten beabsichtigte solidarische Geste gegenüber den uniformierten Fremden, die neugierig die Szene beobachten. Der junge Mann nimmt aus der bereitwillig hingehaltenen Schachtel jedoch nur eine einzige „555“. Als schließlich dann auch der Fahrer des Mietwagens, das Zimmermädchen im Hotel und die hilfreiche Fremdenführerin von sich selbst stets nur im Plural sprechen, erregt das doch Aufmerksamkeit und provoziert eine Frage.

Völlig unbeabsichtigt öffnet sich eine kaum vernarbte Wunde. Der erst wenige Wochen zuvor gestürzte Diktator Pol Pot hatte in den Jahren seiner Herrschaft seit 1975 seinen Untertanen das „Ich“ aus dem Sprachschatz verbannt. Individualität war zum Strafbestand degradiert worden, der einzelne sollte als unbedeutendes Atom eines „Kollektivs“ stets vor Augen haben, daß er nur als Teil des Ganzen, nicht aber als Persönlichkeit existieren könne. Diese Ameisenphilosophie erforderte einen Eingriff in das Khmer, die kambodschanische Sprache, das als scheinbar unantastbares Kulturgut aus bisherigen Überlegungen über die Mechanismen des Machtapparates ausgeklammert war.

Dabei ist Sprache und Sprachmanipulation als Mittel der Unterdrückung ebensowenig neu oder gar sensationell wie ihre Nutzung zur Verschleierung dessen, was sich zu allen Zeiten in den Köpfen der Mächtigen als vor jeglicher Transparenz gehütete Strategie zusammenbraute. Trotzdem gibt es über ihre Funktion entgegengesetzte Auffassungen.

„La parole a été donnee à l’homme pour deguiser sa pensee“, meinte 1807 Charles Maurice de Talleyrand. Der französische Diplomat stellte sich damit in die lange Reihe derer, die glaubten, die Sprache sei lediglich ein Mittel, um die Gedanken zu verbergen. Heinrich Heine entdeckte diese griffige Taktik bei Joseph Fouché, Voltaire ließ den Gedanken in seine „Philosophischen Dialoge“ und Anekdoten einfließen, und auch bei Edward Young findet er sich bereits 1750 in „Love of fame, the universal passion“. Seine Wurzeln lassen sich bis in die Werke der antiken Schriftsteller zurückverfolgen, und da ist es schon ein harter Kontrast, wenn Karl Marx in der „deutschen Ideologie“ feststellt: „Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache.“ Victor Klemperers Suche nach den geheimen Hebeln diktatorischer Machtausübung in der „Lingua Tertii Imperii“ bietet sich als Arbeitsmethode an, und die an George Orwells „1984“-Vision erinnernde Geschichte der Pol-Pot-Herrschaft macht die kühne These der Schaffung einer Sprache, die letztendlich jegliche Kritik am „Großen Bruder“ verbal unmöglich macht, nicht mehr unwahrscheinlich.

Als Pol Pot am 27. September 1977 in einer fünfstündigen Rede die Identität seiner „Organisation“ – Angkar in der Landessprache – mit einer Kommunistischen Partei von Kampuchea bekanntgab, fehlte weder der Glückwunsch an die „kollektivistische Arbeiterklasse “ zu Erfolgen im „Kampf auf allen Baustellen“, noch die Forderung, die „Bauern zu mobilisieren“ und „revolutionäre Wachsamkeit“ zu üben.

Das entsprach zunächst dem üblichen sprachlichen Paradeschritt solcher Reden, die in chinesisch ebenso wie auf sächsisch überliefert sind. Auffällig war lediglich die durchgängige, fast militärisch wirkende Ausrichtung der Sprachstruktur, die dem Charakter des Khmer eigentlich zuwiderlief. Attribute und anderes schmückendes Beiwerk ließ martialisches Denken vermuten, das in keiner Weise zu dem sonst eher sanften kambodschanischen Volk paßte.