||Von Ilma Rakusa

Das Jahrhundert des Sozialismus und der Industrialisierung, so Andrej Platonow 1928, habe seinen Lauf mit einer ungeheuren Anspannung aller materiellen Kräfte der Gesellschaft genommen – „der Wohlstand aber wurde auf morgen verschoben“. Nicht von ungefähr halten die Russen Platonow heute für ihren aktuellsten Schriftsteller: „Von ihm erfahren wir, was mit uns geschehen ist“ (Andrej Bitow). Zu ergänzen wäre: nachdem Glasnost die Veröffentlichung seiner Hauptwerke, der jahrzehntelang totgeschwiegenen Romane „Die Baugrube“ und „Tschewengur“, möglich gemacht hat.

Was sich in diesen Büchern, die die Heilserwartung des kleinen Mannes beim Wort nehmen, an Sozialismuskritik verbirgt, hätte den deutschen Leser schon vor Jahren erschüttern können, denn Übersetzungen aufgrund von exilrussischen Ausgaben lagen seit Anfang der siebziger Jahre vor. Dennoch blieb Platonow, im Gegensatz etwa zu seinem Zeitgenossen Michail Bulgakow, bei uns merkwürdig unbeachtet, was wohl zur Hauptsache mit seiner stilistisch extremen, zwischen Parteijargon, Wissenschaftsterminologie und poetischen Metaphern changierenden, mithin schwer übertragbaren Sprache zusammenhängt, gewiß aber auch mit seiner subtilen Persiflage der sowjetischen Aufbauliteratur, deren Kenntnis bei uns nicht vorausgesetzt werden kann.

Platonow läßt sich nicht festlegen – weder auf die Rolle eines Systemkritikers noch auf die eines Satirikers. Er ist der glühendste Anhänger einer revolutionären Eschatologie und zugleich der traurigste Entlarver des Staatssozialismus Stalinscher Prägung; er ist ein Befürworter humaner Wissenschaft und zugleich ein poetischer Verulker bolschewistisch-technologischen Größenwahns; er hofft auf eine Zeit, da es „genausoviel Brot geben würde wie Luft“ und macht sich über jene Funktionäre lustig, die „die wissenschaftliche Bestimmung des Hungers den Veterinären und dem ländlichen pädagogischen Personal übertragen“. Platonow lacht mit einem Auge und weint mit dem andern, er ist der Schriftsteller des Mitgefühls und der luziden Resignation, melancholischer Zukunftsutopien und düster-grotesker Gegenwartstableaus. Mit einem Wort Joseph Brodskys: „Platonow ist ungreifbar.“

Greifbar aber sind seine Bücher und zur Lektüre dringlich zu empfehlen. Als Lizenzausgabe des Ostberliner Verlages Volk und Welt hat der Hanser Verlag in München bisher vier Bände herausgebracht (weitere sind geplant): „Die Epiphaner Schleusen“ (Frühe Novellen), „Müllwind“ und „Die Reise des Spatzen“ (Erzählungen aus den Jahren 1922 bis 1950), schließlich, in dem zuletzt erschienenen Band, die Romane „Die Baugrube“, „Das Juvenilmeer“ und „Dshan“ – vieles davon in Erstübersetzung, anderes in Neuübersetzung. Eine beeindruckende Unternehmung, obwohl nicht jede Übertragung gleichermaßen zu überzeugen vermag und die Kommentare und Nachworte von Lola Debüser an manchen Stellen der Ergänzung und ideologischen Entschlackung bedurft hätten.

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