Diskret“ lautet, die Bezeichnung für das stillschweigende Übereinkommen zwischen jenen, die es brauchen, und denen, die es betreiben. Man schlägt der Behörde kein Schnippchen mit dieser fremdwörterlichen Bemäntelung, Auch die Behörde versteht es, „Diskret“ ist ein sehr indiskretes Wort geworden.

Eine Straße, so fing, daß sich die einander gegenüberliegenden Häuser „Guten Morgen“ sagen können und die Fensterscheiben Familienintimitäten ausplaudern. Ein Haus mit weit offen gähnendem Schlund. Ein braungelbes Haustor. Beide Flügel nach innen geöffnet. Fahler Lichthof blinkt vom Ende her entgegen. Die Luft ist gewissermaßen grau schraffiert und fast greifbar. Man könnte sich ein Stückchen Luft abschneiden und in eine Schachtel stecken.

Auf ausgespannten Schnüren turnt blau- und rotgestreifte Unterwäsche. Zwei Kinder zeichnen mit rosa Kreide auf den brüchigen Steinfliesen, und auf der Glastür, die längst keine Scheiben mehr hat, sondern viereckige Brillen aus braunem Pappendeckel vor erloschenen Augen, hängt ein Täfelchen: „Bett zu vermieten. Frau A. Auskünfte für alle Lebenslagen Die Buchstaben sind nicht gedruckt, sondern mit der Hand geschrieben, sie wackeln ein bißchen auf dem Papier, Man hat die Empfindung, daß diese paar Worte von der Tafel herunterfallen und jämmerlich auf dem Pflaster zerschellen könnten.

Frau A. ist vorsichtig. Sie sieht erst durch die Türluke, lange und mit Ausdauer. Ihr Auge trinkt meine Erscheinung sozusagen zwei Minuten lang. Dann schlüpfe ich durch den Türspalt.

Frau A. „weiß schon“. Eigentlich „weeß schon“. Denn Frau A. ist unverkennbar aus jenem Kapitel deutscher Sprechkunde. Sie weeß schon.

Infolgedessen lädt sie mich ins Gastzimmer. Jetzt sehe ich Frau A. Auf ihrer blaugetupften Schürze wirbeln ein paar Sauceflecke soll durcheinander. Ein leiser, beizender Zwiebelduft schwebt um sie, hüllt sie ein. Ihre persönliche Atmosphäre. Ihre Augen sind klein, braun und rotgerändert, wie die eines Huhns. Sie tränen immer ein bißchen. Wenn man Frau A. nur ansieht, muß man weinen. Die Augen gehen einem über.

Unter einem unterernährten Rhododendron in der Fensternische philosophiert ein Papagei in einem Messingkäfig. Seine Augen sind funkelnd und etwas rotgerändert. Seine Augen tränen, vielleicht vom Zwiebelduft vielleicht infolge einer wirksamen Anpassung an seine Herrin. Man kann nicht wissen.