Schwabach

Von Analphabeten war in Schwabach eigentlich bislang so gut wie nichts bekannt. Konsequenterweise stufte die Stadtverwaltung das Bedürfnis nach Ele Schöfthalers "Schreibhandlung" eher gering ein. Wie sich zeigt, ein vorschnelles Urteil. Wer sich in der mittelfränkischen Kleinstadt in einer leicht abschüssigen Gasse hinter dem Marktplatz umsieht, sieht durchaus Kundschaft in der "Schreibhandlung". Menschen, die für sich schreiben lassen, Bewerbungen, Amtsbriefe, Reden, sogar Liebesbriefe.

Die meisten von ihnen haben das vollständige Formulieren entweder nur höchst mangelhaft gelernt ("Bei meinen Deutschaufsätzen waren immer eine Menge Kringel am Rand"), oder sie sind des Schreibens so entwöhnt, daß sie ihre Sätze heillos verschachteln oder schlicht den Ton nicht treffen – von den Verstößen gegen Orthographie und Grammatik ganz zu schweigen.

Sechs Kunden in der Woche kommen mindestens, seit Ele Schöfthaler zu Jahresbeginn ihre "Schreibhandlung" nach einem Münchner Vorbild eröffnet hat. Und es sind beileibe nicht nur Angehörige von Randgruppen, die sich in ihrem Büro diskret die Klinke in die Hand geben. "Die Klientel kommt querbeet aus allen gesellschaftlichen Schichten." Der Ingenieur, der sich Formulierungsbeistand für seine Diplomarbeit sucht, ist ebenso dabei wie ein nun schon älterer Landwirt, der sich jetzt um einen Hausmeisterjob bewirbt, oder eine Frau, die den beruflichen Wiedereinstieg versucht.

"Öffentlichkeitsarbeit für den kleinen Mann und die kleine Frau", nennt Ele Schöfthaler ihren Service. Briefe machen Leute – mit ihrer Hilfe kam ein eingeschüchterter Hilfsarbeiter doch noch zu seinem Urlaubsgeld und ein Monteur zu einem Betriebsdarlehen.

Auf die Idee der "Schreibhandlung" kam die freie Mitarbeiterin des Schwabacher Tagblatts und Mitbegründerin von Courage durch ihre Erfahrungen als Pfarrfrau auf dem Land. Viele Bäuerinnen und Bauern sahen in ihr die "Studierte", der sie am liebsten ihren gesamten qualvollen Schriftverkehr übertragen hätten.

Von daher weiß die Schreibhelferin auch, welche Scham ihre Kunden in der Regel zu uberwinden haben. Und sie schätzt durchaus den unauffälligen Eingang ihres Büros, den sie sich mit einem Naturkostladen teilt. Wer sich also von neugierigen Augen verfolgt fühlt, kann immer noch schnell zu biologisch angebautem Gemüse greifen. Dietmar Bruckner