Von Hansjakob Stehle

Wien, Ende Juli

Zu groß für ein kleines Land wäre Bruno Kreisky nie geworden – wenn er das politische Selbstbewußtsein Österreichs auf die Höhe seines eigenen hätte heben können. „Ich habe es Ihnen nicht leichtgemacht“, hatte er in seiner parlamentarischen Abschiedsrede nach dreizehnjähriger Bundeskanzlerschaft 1983 gesagt. „Links denken und rechts regieren“ nannte er – nur halb scherzhaft – sein Rezept für das Land, das er gern mit den Augen seines Lieblingsschriftstellers Robert Musil sah: „Kakanien“, der K.u.k.-Vergangenheit nie ganz entwachsen, wo der „Staatsgrundsatz des Fortwursteins“ sich mit dem Gesetz der Weltgeschichte deckt, „vielleicht doch ein Land für Genies“, wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“ vermutet?

Kreisky, der jetzt im 80. Lebensjahr starb, war ein Mann mit Eigenschaften. Als großbürgerlicher Sozialdemokrat, als Liberaler, der autoritären Versuchungen schon deshalb nicht entging, weil er Autorität hatte, und schließlich als weiser Alter, der anderen wie sich selbst Torheiten verzieh – so prägte er das, was die Österreicher, auch seine Widersacher, mit epochaler Provinzialität schon „die Ära Kreisky“ nannten, als er noch lebte. Nun, am 7. August, werden auch jene, die immer nur „rot“ sahen, als er regierte, in Schwarz gehüllt hinter seinem Sarg zum Wiener Ehrengrab schreiten. Noch in der Hochachtung mancher Nachrufe klingt aber die Häme jener innenpolitischer Grabenkämpfe nach, die das Politikerleben Kreiskys freilich immer weniger bestimmten.

Der Sechzehnjährige, vom Wohlstand des großindustriellen Elternhauses übersättigt, hatte sich der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ angeschlossen. Die „Austromarxisten“ Max Adler und Otto Bauer ließen ihn für eine radikale, doch gewaltlose Gesellschaftsreform schwärmen. Der „Austrofaschismus“ des klerikalen Ständestaates, der dem großdeutschen „Austro-Nazismus“ den Wind aus den Segeln nehmen wollte, trieb dann den Jurastudenten zum Widerstand der nun „Revolutionären Sozialistischen Jugend“; als Hochverräter verurteilt, begegnete Kreisky 1936 in der Gefängniszelle Hitler-Anhängern, die wie er gegen das Regime gekämpft hatten, sie freilich, um die Republik zu zerstören. Eine absurde Kameraderie, die ihn nachdenklich und skeptisch gegen alle ideologische Dogmen werden ließ, zumal als ihn diese anfangs noch ziemlich „kakanischen“ Nazis nach dem „Anschluß“ 1938 wieder verhaften, doch nach fünf Monaten in die schwedische Emigration entkommen ließen. Hier, wo er – wie sein Genosse und Freund Willy Brandt – skandinavische Sozialdemokratie schätzen und den Wohlfahrtsstaat überschätzen lernte, kam ihm auch die Erkenntnis, „daß der Kapitalismus besser ist als sein Ruf“. Hier reifte in ihm die Uberzeugung, daß Österreichs Wiedergeburt und solide Zukunft nur im innerer Versöhnung und außenpolitischer Brückenfunktion beruhen konnte. Und daß radikale Klarheit nicht immer absolute Wahrheit hervorbringt...

„Mit Ja oder Nein zu antworten – das hat man das letzte Mal bei der Gestapo von mir verlangt“, belehrte er sarkastisch einmal eifernde Opponenten. So hat Kreisky wesentlich dazu beigetragen, daß sich Hunderttausende von alten Nazis und großdeutschen Träumern bekehrten und mit der Republik Österreich anfreundeten, die das „erste Opfer Hitlers“ gewesen sei (wie die hilfreiche Legende nun besagt). Pragmatisch hat Kreisky den eingefleischten Antiklerikalismus seiner Genossen – nein, nicht in die Rumpelkammer, sondern ins Museum heroischer Erinnerungen verwiesen; im Wiener Kardinal König, dem er sich als „Agnostiker, nicht als Atheist“ bekannte, fand er den Partner zum Friedensschluß. Und welcher halbheimliche Antisemit in der Alpenrepublik wollte sich noch über Kreisky mokieren? Mit der Geste eines weisen Rabbi, der von seiner „jüdischen Herkunft“ als etwas weit hinter ihm Liegenden sprach, konnte er sich leisten, wovor der halben Welt schauerte: 1979 umarmte er in Wien den Palästinenser-Chef Arafat, 1982 den libyschen Obristen Ghaddafi. Und dennoch würdigte jetzt den Toten auch Israels Schimon Peres.

Frieden – das war für Kreisky, für sein Politik- und Österreich-Verständnis, nie eine Redefloskel, vielmehr etwas Handfestes – gleich, ob er dem Habsburger Otto das Einreiseverbot in die Heimat aus dem österreichischen (!) Reisepaß streichen ließ oder bei Beginn des ersten Moskauer Tauwetters Zugriff, um Österreich von der Viermächtekontrolle und Besatzung zu befreien.