Die wilde Wiese: ein Traum zwischen Himmel und Erde

Von Jürgen Dahl

Die erste Wiese, bis zu der meine Erinnerung zurückreicht, lag gleich neben dem Haus, diente als Pferdeweide und war eigentlich nur ein schütterer Teppich auf trockenem Sandboden – im kurzgefressenen Gras ein Muster aus den blaßvioletten Blütenständen des Thymians, den glänzendbraunen Ährenknäueln der Hainsimse (die wir Hasenbrot nannten) und den zahllosen grauen Pillen, die die Kaninchen hinterließen.

Also keine Wiese aus dem Bilderbuch – denn eine solche hat hohes Gras in Fülle und dazwischen bunte Blumen aller Art. Woraus erhellt: Die Wiese gibt es gar nicht, es gibt nur Wiesen, und zwar sehr unterschiedliche.

Ein zweiter Wiesen-Irrtum besagt, daß die Wiese ein Inbegriff des "Natürlichen" sei, Musterbeispiel der Unverdorbenheit, Ideal einer paradiesischen Ökologie. Nichts davon: Bis auf ein paar Wiesen-Typen auf extremen Standorten sind alle Wiesen durch verwundende, zerstörende Eingriffe des Menschen in bestehende natürliche Ordnungen entstanden. Mehr noch: Ohne fortgesetzte Pflege, also weitere und immer wiederholte Eingriffe in die natürliche Entwicklung sind diese Wiesen gar nicht lebensfähig: Sie streben alle zurück zum Urzustand, zum Wald, wie er Mitteleuropa bedeckte, bevor die Menschen begannen, mit großflächigen Rodungen Platz zu schaffen für Häuser und Acker – und eben Wiesen fürs Weidevieh.

Freilich gab es da von jeher eine Art Mitspracherecht der Natur. Sie war es, und sie ist es weiterhin, die bestimmt, welche Gräser und welche anderen Pflanzen auf dem jeweiligen Standort gedeihen können.

Trockene warme Hänge auf kalkreichem, durchlässigen Boden, einst von Schafen beweidet und entwaldet, tragen zum Beispiel eine völlig andere Pflanzenhaut als die mehr oder weniger feuchten Wiesen der Niederungen. Im einen Fall entsteht ein Kalktrockenrasen mit Thymian, Schlüsselblumen und Orchideen, im anderen Fall eine Fettwiese mit Vogelwicke, Wiesenkerbel und Wiesensalbei, mit Kuckuckslichtnelke und Wiesenknöterich. Dazwischen gibt es mehr als zwei Dutzend weitere Typen, von den Pflanzensoziologen sorgfältig definiert, geordnet und nach ihren Charakterarten benannt.