Finnland, eher ein Stiefkind des europäischen Tourismus, baut derzeit Fährschiffe, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen.

Für ihren mit 56 000 Bruttoregistertonnen weltweit größten Fährschiffneubau rührte die finnisch-schwedische Reederei Silja Line schon kräftig die Werbetrommel, obwohl die Jungfernreise erst für Anfang November geplant ist. Im April wurde der neue Ostsee-Star auf den Namen Silja Serenade getauft, ein Schwesterschiff gleicher Größe ist geplant. Als „Weltneuheit“ wird es auf dem für 2500 Passagiere konzipierten Jumbo-Liner (Kosten: 380 Millionen Mark) eine 140 Meter lange Einkaufsstraße geben; diese Promenade soll schnurgerade durch das 203 Meter lange Schiff führen, flankiert an beiden Seiten von insgesamt fünf Decks. Neben diversen Restaurants ist nicht nur ein Konferenzzentrum, sondern sogar eine Kinder-Discothek vorgesehen.

Mit seinem spektakulären Neubau rückt Silja Line mit an die Spitze der am Finnland-Schweden-Verkehr beteiligten Fährschiff-Reedereien. Der härteste Konkurrent, Viking Line, wird 1990 über fünf Millionen Passagiere transportieren, aber Silja dürfte schon 1991 viele Buchungen hinzugewinnen – dann werden beide Riesenschiffe auf der Ostsee kreuzen.

Allein zwischen Helsinki und Stockholm verkehren täglich fünf Fähren mit einer Gesamtkapazität von rund 12 000 Plätzen. Hinzu kommen weitere Fährverbindungen auf den Strecken Stockholm-Turku und Kapellskär-Naantali. In naher Zukunft ist zwischen beiden Ländern mit einem Passagieraufkommen von weit über zehn Millionen zu rechnen. Finnland und Schweden haben aber nur eine Bevölkerung von zusammen dreizehn Millionen Menschen.

Deshalb wird die Bauwut von Kennern der Branche als „blauäugig“ bezeichnet, denn es stellt sich die Frage, ob überhaupt genügend Passagiere für so viel Schiffsraum vorhanden sind. Erst kürzlich nahm Vikings Cinderella, das augenblicklich größte Fährschiff der Welt (2800 Schlafplätze), den Liniendienst nach Stockholm auf. Ein weiterer Neubau soll bald fertiggestellt werden.

Zweifelhaft ist auch, ob die Eleganz an Bord so recht zu der meist jeanstragenden jungen Klientel passen wird, die das Schiff in den Sommermonaten bevölkert und sich mehr für Alkoholika denn teures Dekor interessiert. Die kennen Fahrgäste von der Finnjet, einem anderen Paradedampfer von Silja Line. Pläne, nach denen die Finnjet 1993 durch vier kleinere Neubauten auf der Strecke Lübeck-Helsinki ersetzt werden soll, sind allerdings vorläufig auf Eis gelegt worden. Andreas Jacobsen