Eine Geschichte vom Regelfall. Eine Geschichte von Untreue, von der täglichen Flucht aus der Verantwortung, eine Geschichte von der Verwahrlosung der Herzen. Eine Geschichte von Menschen und von denen, die sich ihnen anvertraut haben seit Jahrtausenden: den Hunden. Die Geschichte von Lonli ist nicht nur alltäglich, sie wird auch einfach und geradeaus erzählt. Literatur findet hier nicht statt, der große erzählerische Wurf ist nicht zu bejubeln.

Ein Grund, nachdenklich zu werden. Das Stuckchen Leben einer kleinen, eher komischen Mischlingshundin, Hundeleben, das die Autorin schnorkellos, manchmal fast unbeholfen, immer bei der Wahrheit bleibend und mit einer bemerkenswert sauberen Dramaturgie dem Leser erzählt; die 160 Seiten Klartext – sie lassen nicht los.

Nein, keine stilistische Brillanz, man genießt nicht gefuhlig, sondern protokolliert die eigene tagliche, alltägliche Welt, die vielen Versäumnisse, Hartherzigkeiten, an denen wir alle beteiligt sind. Manche mehr, manche weniger; macht das einen Unterschied? Zwischen den Menschen, die sich gegenseitig mit phantasievoller Bosheit zerstören, vegetieren Millionen Lebewesen, die wir an uns gebunden haben, um Nutzen aus ihnen zu ziehen. Was sonst. Wir haben sie, unsere Haustiere, aus ihrem natürlichen Lebensraum herausgerissen, aber nicht ganz. Ihre Instinkte zerstört, aber nicht gänzlich. Wir haben sie in unsere eigene Widersprüchlichkeit hineingenommen, aber eben nicht vollkommen. Und so sind sie, die wir benutzt und verraten haben, die Hunde, verwirrt und heimatlos geworden.

Unfähig, sich ohne menschliche Hilfe am Leben zu erhalten, wird ihnen der Platz an der Seite des Menschen immer heftiger streitig gemacht. Sie sind überflüssig geworden, ohne Aufgaben: ein Störfaktor. Es wird Stimmung gemacht gegen sie. Und warum gibt es nach wie vor Menschen, die Anfeindungen, Kosten und eine Komplizierung ihres ohnehin komplizierten Lebens in Kauf nehmen, nur um einen Hund zu haben? Warum finden sich neben den schlagenden, rohen, folternden Händen immer wieder helfende, liebevolle, zärtliche? Was bringt eine Minderheit von Menschen aus allen Lebensbereichen dazu, sich gegen alle Vernunft, gegen alle Vorteile und Interessen für diese Lebewesen einzusetzen?

Evelyn Hardey beantwortet keine dieser Fragen, sondern sie erzählt eine Geschichte, die diese Fragen im Leser entstehen lassen. Wer von uns nicht vollständig verhärtet ist, fühlt sich unvermutet schuldig, mitschuldig an der verstörten Ratlosigkeit dieses kleinen Hundes, dessen Leben so aufrichtig, so unsentimental und mit so viel Anteilnahme vor Augen gestellt wird.

Kinder werden nach der Lektüre an die Erwachsenen viele Fragen haben. Und die Erwachsenen werden Schwierigkeiten haben, sie zu beantworten. Gert Haucke

  • Evelyn Hardey: