Dieser als „Hilferuf“ überschriebene Brief erreichte uns aus Magdeburg. Der Absender, ein Tischlermeister, schildert dann, wie schwer es ist, den „Sprung in die Marktwirtschaft zu schaffen

Magdeburg

Mein Name ist Hans-Friedrich Klussendorf, ich bin 33 Jahre alt. Unsere Familie lebt schon seit Generationen in Magdeburg. Ich bin verheiratet und habe zwei kleine Kinder im Alter von zwei und drei Jahren. Von Beruf bin ich Tischlermeister.

Seit dem plötzlichen Tod meines Vaters im Jahre 1979 leite ich die Tischlerei, die mein Urgroßvater im Jahre 1878 hier in Magdeburg gründete. Zur Zeit beschäftige ich fünf Mitarbeiter. In der Zeit vor der Wende in der DDR fertigten wir hauptsächlich furnierte Wohnzimmerschränke für den staatlichen, aber auch privaten Möbelhandel in der Region um Magdeburg. In der letzten Zeit widmen wir uns aber verstärkt dem individuellen Innenausbau. Die Räume, in denen sich unser Betrieb befindet, ein Seitenflügel eines großen Fabrikgebäudes, sind gemietet beim Verkehrskombinat Magdeburg, nein, jetzt muß es ja heißen Verkehrs- und Service-GmbH Magdeburg. In diesen Räumlichkeiten sind wir seit 1937 Mieter. Der Besitzer verkaufte das Gebäude Anfang der sechziger Jahre an das Verkehrskombinat Magdeburg.

Im Zuge der Veränderungen mache ich mir naturlich über die weitere Zukunft meines Betriebes Gedanken. Ich möchte aus der Firma wieder das machen, was es mal war, ein mittelständisches Unternehmen. Übrigens 1928 zählten wir hundert Mitarbeiter. Von der Kreditbank für Wiederaufbau habe auch ich schon einen Teil als ERP-Kredit in Anspruch genommen. Für 40 000 Mark habe ich mir schon eine gebrauchte Formatkreissäge, eine Kantenanleimmaschine, ein Airless-Spritzgerät und diverse kleinere nützliche Dinge gekauft. Ich versuche wirklich alles, um den Sprung in die Marktwirtschaft zu schaffen.

Das Klima zwischen mir und meinem Vermieter ist alles andere als gut. Seit Jahren werde ich schikaniert. Es spricht der blanke Haß aus den Augen der leitenden Herren des Verkehrskombinates. Bereits im Februar stellte ich beim Rat der Stadt Magdeburg einen Antrag, um bei einem eventuellen Verkauf der Gebäude das Vorkaufsrecht zu erlangen. Inzwischen schrieb ich auch an den Leiter des Verkehrskombinates, die Treuhandgesellschaft in Magdeburg und auch nach Berlin. Bis jetzt war alles erfolglos. Seit einigen Wochen hat das Verkehrskombinat einige seiner Räumlichkeiten an einen Teppichgroßhandler aus Hannover vermietet. Nachdem mir zu Ohren gekommen war, daß sich bereits zwei westdeutsche Firmen um die Gebäude streiten, bin ich kurz entschlossen nach Berlin gefahren, um von der Treuhandanstalt konkrete Informationen zu erhalten. Leider sagte man mir nur, daß die volkseigenen Betriebe, die sich in eine GmbH umgewandelt haben, fortan auch Eigentümer des Grund und Bodens sind. Sie können ihn verkaufen, vermieten oder sonst irgend was.

Jetzt kommt für mich der skandalöseste Teil. Die ehemaligen SED-Schergen, die mich und meine Vorfahren vierzig Jahre lang schikaniert und provoziert haben, sind jetzt die neuen Großunternehmer.