Bramstedt-Lohe

Es geschah „im letzten Buchsenlicht“, abends um 16.30 Uhr, in der freien Feldmark. Drei Jäger saßen bei eisigem Ostwind und Regenschauern auf Rehwild an. Doch ihr Jagdtrieb blieb an diesem 29. Dezember 1989 unbefriedigt. Statt eines kapitalen Rehbocks liefen ihnen zwei Fußganger und ein Hund durch die Schußlinie. Unverrichteter Dinge mußten die Grünröcke abziehen, weil sich kein Tier mehr aus dem schützenden Unterholz wagte.

Noch am selben Abend erfuhren die Spaziergänger von ihrem Nachbarn, Helmut Weltmann, einem der „Wildtöter“, daß sie sich in Lebensgefahr befunden hätten. Was ihnen denn einfalle, in seine Jagdgründe einzudringen, just wenn er auf Rehwild ansitze – so habe er sie angepoltert, sagt Luise Bahr. Sie und ihr Lebensgefährte Andreas Obermair seien mit dem Schäferhundwelpen „Erdmann“ an jenem Abend ja nur von einem Besuch bei einer Freundin zurückgekehrt, und für den Rückweg habe sie als Tochter eines Loher Bauern die „von Kindesbeinen an vertraute Route“ gewählt: In Sichtweite ihres Hofes verließen sie die befestigten Wege und kürzten das letzte Stück über den eigenen Acker und die Weide eines Nachbarn ab. „Was ortsüblich und außerhalb der Pflanz- und Aufwuchszeit für jedermann erlaubt ist“, wie Luise Bahr betont. Auch „Erdmann“ habe sich „eng an sein Rudel“ gehalten, nur dann und wann neugierig an einem Mauseloch geschnüffelt. Entschieden wies Bahr also die Schelte ihres Nachbarn zurück.

Es war nicht das erste Mal, daß sie, die Agrarwissenschaftlerin und engagierte Naturschützerin, mit dem Großbauern und Jager Wehmann aneinandergeriet. Sie protestierte, wenn der Pächter ihrer Weiden allzu großzügig das Insektizid E 605 versprühte oder Kunstdünger bis an die Ufer des Flüßchens Gackau ausbrachte. Unruhe bei den Bauern der Umgebung erregte ihr Auftreten gegen wilde Müllkippen und Hecken-Kahlschlage, gegen ein Soldatengelöbnis und gegen eine neue Umgehungsstraße. Auch den „Saufabenden und Schützenfesten“ im Mikrokosmos Lohe blieb Luise Bahr immer fern.

Mit seinem Latein am Ende, wandte sich Helmut Wehmann hilfesuchend an Erwin Schober – eine Art „grüner Eminenz“ in der Gemeinde, Unternehmer aus dem benachbarten Schiffdorf-Spaden und seit 1979 Pachter der Genossenschaftsjagd Lohe. Schober hatte den begeisterten Waidmännern das „kranke Stuck“ Rehwild zum Abschuß freigegeben, auf das sie an jenem Winterabend ansaßen. Für die Pacht zahlt er den Mitgliedern der Genossenschaft, zu denen auch die Landeigentümerin Luise Bahr gehört, jährlich 20 000 Mark und lädt die Bauern einmal im Jahr zu „Speis und Trunk“ ins Festzelt.

Schober, vor einiger Zeit als „vorbildlicher Jäger“ vom niedersächsischen Jagdverband ausgezeichnet, mahnte zunächst die unbequeme Frau brieflich ab – wegen „Störung von Wild“ – und ergänzte: „Des weiteren muß ich Sie bitten, ihren Hund im Gehorsam zu halten und nicht revieren zu lassen. Sie wissen, daß ich verpflichtet bin, wildernde Hunde zu schießen!“

Luise Bahr ließ sich nicht ins Bockshorn jagen. „Ich berufe mich auf unseren Rechtsstaat und verbitte mir Reglementierungen dazu nicht berechtigter Personen“, schrieb sie dem Landkreis Cuxhaven, Ordnungsamt/Untere Jagdbehörde.