Bergarbeiterchef Arthur Scargill werden dubiose Geschäfte vorgeworfen

Von Wilfried Kratz

Arthur Scargill fühlt sich wieder einmal verfolgt. Aber diesmal sitzen ihm nicht nur die kapitalistischen Medien im Nacken, die er in einem sozialistischen Großbritannien seiner Vision sämtlich in Gemeineigentum überführen würde. Zu seinem Ärger haben auch die Kollegen im Vorstand der National Union of Mineworkers (NUM) aufbegehrt und gewagt, den einst allgewaltigen Präsidenten dieser Bergarbeiter-Gewerkschaft mit gerichtlichen Verfügungen zu belegen.

Scargill, so lautet der Vorwurf, habe Gelder fehlgeleitet, welche die Gewerkschaft während des zwölfmonatigen Kohlestreiks 1984/85 als Solidaritätsspenden von Gewerkschaften insbesondere aus dem Ostblock erhalten hat. Er habe in selbstherrlicher Weise die Finanzen über ein Netz von Konten im In- und Ausland manipuliert und den Vorstand über seine Aktivitäten im dunkeln gelassen. Wachgerüttelt von einer unabhängigen Untersuchung über Scargills Finanzgebahren wahrend des Streiks und danach legt der NUM-Vorstand nun die Hand auf Konten in Dublin, Wien und Sheffield. „König Arthur“ – für die einen ein Held der Arbeiterbewegung, für die anderen ein Westentaschen-Stalin – ist in Bedrängnis.

Die Affäre hat nicht nur in Großbritannien Schlagzeilen gemacht. Der Streik, der mit einer Niederlage der Bergarbeiter endete, liegt zwar mehr als fünf Jahre zurück. Aber er war derart bitter und hatte eine solch grundlegende Bedeutung für die Machtverhältnisse im Lande, daß die Erinnerungen schnell wieder wach werden. Der Kohlebergbau ist geschrumpft, die Macht der Gewerkschaft ist gebrochen, die Geschichte dieses denkwürdigen Arbeitskampfes ist jedoch lebendig geblieben. Insbesondere löst aber die Person von Arthur Scargill emotionale Reaktionen aus. Wenn dann Vermutungen auftauchen, der einstige Tribun der Kumpel und selbsternannte Fuhrer der ganzen Arbeiterklasse, der begabte politische Agitator und letzte große außerparlamentarische Herausforderer einer gewählten Regierung, habe seine Finger in der Gewerkschaftskasse gehabt, ist die Publizität gesichert.

Libysche Verbindung

Die ersten Meldungen über umstrittene Aktivitäten im Ausland tauchten noch während des Streiks im Herbst 1984 auf. Roger Windsor, Leiter der NUM-Verwaltung, wurde von dem libyschen Oberst Ghadaffi zur Audienz empfangen. „Wir suchen nur politische Unterstützung“, beschwichtigte Scargill damals. Aber die Briten hatten kein Verständnis für die „libysche Verbindung“. Denn nur wenige Monate zuvor war bei einer Demonstration von Ghadaffi-Gegnern vor der libyschen Botschaft in London aus dem Gebäude heraus eine englische Polizistin erschossen worden.