Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, Ende Juli

Der sowjetische Ministerpräsident Nikolaj Ryschkow sprach halb scherzend, halb schulmeisternd: "Stellen Sie diese Frage in den nächsten vierzig Jahren bitte nicht noch einmal!" Das war im März 1988. F. Wilhelm Christians, der Pionier deutsch-sowjetischer Aussöhnung und erste Bundesbürger, den Gorbatschow nach seinem Amtsantritt 1985 sogleich sprechen wollte, hatte Ryschkow eine in der Tat verwegene Idee vorgetragen. Die Sowjetunion solle, schlug der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank vor, das Gebiet von Kaliningrad, dem früheren Königsberg, in ein Industrie- und Technologiezentrum für Gemeinschaftsunternehmen und Kooperationen mit deutschen und europäischen Firmen umgestalten.

Gut zwei Jahre später hat die Geschichte Ryschkows Antwort überholt und Christians Frage zu einer dringlichen, aber auch delikaten Aufgabe gemacht. Am 13. Juli erklärte das russische Parlament unter Boris Jelzin den Raum von Kaliningrad und fünf weitere Gebiete zu Wirtschaftssonderzonen innerhalb der Russischen Föderationsrepublik (RSFSR), die sich gleichzeitig auch insgesamt absondert – mit der Erklärung der Souveränität gegenüber der Sowjetunion. Nicht einmal eine Woche später war der 68jährige Christians bereits in der Hafenstadt. Schon im Mai eingeladen von Kaliningrads reformorientiertem Bürgermeister Nikolaj Chromenko, hatte er Mitte Juli in Moskau noch bis zur letzten Sekunde auf Transit und Tickets in das bisherige Sperrgebiet warten müssen. Die Starterlaubnis vom Tower der Sicherheitskräfte kam schließlich in aller Offenheit: "Jetzt haben auch Militär und KGB Ja gesagt."

Zusammen mit Vorstandsmitglied Georg Krupp und dem Ost-Spezialisten der Deutschen Bank, Axel Lebahn, erörterte der Aufsichtsratsvorsitzende Christians dann vier Tage lang Möglichkeiten der Zusammenarbeit bei der "Kontaktvermittlung zwischen deutschen und Kaliningrader Unternehmen zum Zwecke der Kooperation, Schulung und Ausbildung von Führungskräften sowie Förderung wissenschaftlicher und kultureller Einrichtungen in Kaliningrad".

Im verzweifelten Bemühen der auseinanderstrebenden Republiken und Regionen, durch eigenständige Beziehungen zum Westen dem Morast der Sowjetwirtschaft zu entkommen, sehen die neuen Kommunalvertreter Kaliningrads jetzt ihre große Chance. "Die Deutsche Bank erscheint da plötzlich als ein Deus ex machina", sagt Christians. "Aber ich habe unmißverständlich klargemacht, daß wir natürlich keinerlei direkte Hilfszusagen geben können."

Konversion einer Kommune