Von Claus Spahn

Wenn sich Komponisten und Interpreten alle zwei Jahre zu Ferienkursen verabreden, um ästhetische Standpunkte zu klären, Kompositionstechniken zu erörtern und neue Stücke zu hören, könnte man annehmen, ein solches Treffen müsse an einem angenehmen Ort stattfinden. Vielleicht an einem abgeschiedenen Plätzchen, wo die Natur nicht weit ist, wo man sich in Ruhe über Partituren beugen und in freundlichen Räumen ungestört proben kann. Es gab einmal einen solchen elfenbeinernen Turm, Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre. Inzwischen sind die "Internationalen Ferienkurse für Neue Musik" in Darmstadt laut und chaotisch geworden, werden in einer Schule abgehalten, einem unwirtlichen Betonflachbau, der an einer vielbefahrenen Straße liegt, und die Konzerte finden zum großen Teil in stickigen Turnhallen statt.

Trotzdem übt der Ort eine Anziehungskraft aus. Darmstadt zählt nach wie vor etwas in der Komponistenszene der jungen Generation, denn die Ferienkurse leben von ihrer Tradition: Nono, Boulez und Stockhausen haben hier die serielle Kompositionstechnik entwickelt. Adorno prägte den Tonfall der philosophisch-ästhetischen Debatten. Die Ahnengalerie der Dozenten ist hochkarätig – Hermann Scherchen, Edgar Varése, Bruno Maderna, György Ligeti, Maurizio Kagel... Der Glanz der frühen Jahre, in denen nur wenige lehrten und viele studierten, ist längst einem in alle Richtungen auseinanderstrebenden Pluralismus gewichen. Im täglichen Forum stellen inzwischen an die achtzig Komponisten ihre Musik vor. Die Öffnung jedoch hat ihren Preis: Eine gewissenhaftere Auseinandersetzung mit einzelnen Ideen wird von einem dichtgedrängten Zeitplan erstickt.

Die in die Programmkonzeption eingebundenen Instrumentalkurse sollen dem Treffen Werkstattcharakter verleihen. Spezialisten der Neuen Musik wie das Arditti-Quartett, die Sängerin Brenda Mitchell, der Flötist Pierre-Ives Artaud oder der Pianist Bernhard Wambach unterrichten. Ihre Studenten werden mit neuen Stücken geradezu bestürmt, denn Darmstadt als Uraufführungsort macht sich immer noch gut in jedem Komponistenlebenslauf. Musikalisches Niveau bleibt allerdings oft genug auf der Strecke. Die Komponisten akzeptieren lieber eine schlecht gearbeitete Aufführung, als daß sie ihre Partituren ungespielt wieder mit nach Hause nehmen. Die Konzerte stehen über weite Strecken qualitativ weit hinter dem zurück, was man bei anderen "Festivals" hören kann. Dem Kursleiter Friedrich Hommel fehlen die finanziellen Mittel, um größere Kompositionsaufträge zu vergeben oder ein Orchester für aufwendigere Produktionen zu engagieren. Masse muß die Klasse ersetzen.

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Neue Musik ist die eine Sache, die Diskussionen darüber eine ganz andere. Einerseits gibt es Komponisten, die berichten von tollkühnen Verfahren, ausgeklügelten Bezugssystemen und raffinierten Klangmanipulationen, die in ihre Stücke eingegangen seien. Hört man ihre Musik, stellt man mit Erschrecken fest: Es waren nur Kopfgeburten, seelenlose Trockenübungen. Andererseits gibt es Komponisten, die kaum über ihre Arbeit reden und große Kunst machen. Sie waren in Darmstadt leider in der Minderzahl. Trotz der Diskrepanz zwischen Worten und Taten sind die Vorträge im Komponistenforum nicht ohne Reiz, denn in ihnen deuten sich neue Denkanstöße und Trends an.

Die politischen Veränderungen lassen die Komponisten erstaunlicherweise kalt. Keine Diskussionen über die sich wandelnden Bedingungen, unter denen man Musik produziert. Keine Reflexion über die diskreditierte sozialistische Utopie, die bei manchen Komponisten noch immerhin eine Rolle gespielt hat.