Das Wunder einer kleinen Erzählung. Auf knapp fünfzig Seiten: eine Liebesgeschichte, das Märchen von der Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, der Bericht vom Zerfall einer Familie, das Protokoll der ersten Begegnung mit dem Tod. Ein zweiundzwanzigjähriger Autor, von dem bisher nur ein paar unheimliche, düstere Short stones über sein Herkunftsland, den Süden der USA, erschienen sind, schreibt 1946 ein wunderbar stilles, wehmütiges Kapitel aus der Geschichte der Einsamkeit.

Waren wir drauf gekommen, daß die unaufgeregten Kindheitserinnerungen von einer Skandalnudel stammen, von einem den Schock liebenden Großmeister dekadenter Ästhetik, wenn sein Name nicht auf dem Titelblatt zu lesen wäre: Truman Capote?

Der 1924 in New Orleans als Sohn eines siebzehnjährigen Mädchens geborene Truman Streckfus Persons, ein kleinwüchsiger, ätherischer Bengel, der sich den Schriftstellernamen Capote zulegte, zeichnet in dieser autobiographisch getonten Geschichte den für viele Amerikaner typischen Lebensweg nach: aus ländlicher Einsamkeit zum Schulbeginn in die Stadt. Der aus dem Natur-Idyll gerissene Träumer sieht sich plötzlich den Notwendigkeiten – und Schrecken – der Zivilisation ausgesetzt: Lärm, Verkehr, Rücksichtslosigkeit, Vereinzelung. „Einer der traurigsten Tage meines Lebens war der, an dem ich das an den Ausläufern der Allegheni Mountains in West Virginia gelegene Heim meiner Kindheit verließ“ – so beginnt Capotes Bericht.

„Das Geheimnis“: so raunt der deutsche Titel (Übersetzung: Maria Dessauer); der französische (in Paris ist das aus dem Nachlaß des 1984 gestorbenen Autors aufgetauchte Manuskript, wie in Amerika, schon 1987 erschienen) beschwört den farbentrunkenen Indian summer, den Herbst in den USA: „Un été indien“; der amerikanische Poet spricht mit der wohltuenden Sachlichkeit seines Volkes von „Erinnerungen an meinen Großvater“: „I remember Grandpa“.

So sind gleich im Titel die beiden Hauptfiguren einer ungewöhnlichen, schönen Liebesgeschichte genannt: Das „Ich“ des „Bobby“ genannten sechs- oder siebenjährigen Jungen und der Großvater, ein alter Farmer. In der Nacht, ehe das Kind mit den Eltern den seit Generationen im Familienbesitz bewirtschafteten Bauernhof verlassen und die Großeltern in der Obhut eines Pachters zurücklassen muß, schleicht sich Bobby ins Nebenzimmer, wo die im Gefühl des Verlassenseins auf den Tod krank gewordene Großmutter schlaft. „Grandpa lag da, hellwach, und schaute ins Dunkel. Er hörte mich und rief mich leise beim Namen. ‚Ich wollte nur Gute Nacht sagen‘, flüsterte ich. Dann schlang ich die Arme um ihn und fing an zu weinen. Ich weiß nicht warum, aber ich wollte ihn nicht so da liegen lassen. Ganz allein, ohne jemand, mit dem er reden konnte.“

So beginnt auch für Bobby das große Leben – als Weg in die Einsamkeit. „Wir sind noch eine ganze Familie“, jubelt er zu Beginn, an sich, die Eltern, die Großeltern denkend. „Nur wir drei“, heißt es nach dem Abschied, in einem vor der Zeit aufkommenden Schneesturm, wenn das Kind mit den Eltern in der neuen, fremden Wohnung sitzt. Und auf der letzten Seite lesen wir: „Ma und Pa ließen mich allein.“ Eben hat der ein paar Jahre älter gewordene Bobby erfahren, daß nach der Großmutter auch der Großvater gestorben ist: „Jetzt war da nichts mehr, wohin wir zurückkehren konnten, nur noch Erinnerungen.“

Wenn das Kind an die beiden Alten denkt, wie sie sich auf dem Planwagen bei der Fahrt vom Markt in die Stadt aneinandergeschmiegt haben, werden sie zum Idealbild des ersten Menschenpaares. Vollends paradiesisch ist die Lieblingsstelle von Großvater und Enkel: „unten am Bach, wo die Butter und die Milch in der Kühle des Quellwassers gelagert wurden“.