Von Gabriele Venzky

Sie werde ihn „bei lebendigem Leib fressen“, schwor Maneka Gandhi, Indiens junge Staatsministerin für Umwelt, und meinte damit Nilamoni Routray, den siebzigjährigen Herrn, den man ihr kurzerhand vor die Nase gesetzt hatte, als sie in ihrem Land grüne Ideen mit allzu großem Schwung und sichtbarer Geringschätzung diplomatischer Konventionen in die Tat umzusetzen versuchte.

Gefressen hat sie den ihr vorgesetzten Herrn dann doch nicht. Statt dessen reichte sie ihren Rücktritt ein. Denn zuletzt hatte man sogar den Plan torpediert, in den sie all ihr Prestige gesetzt hatte, nämlich: Umweltgerichte einzurichten, von denen Umweltsünder sofort verurteilt werden sollten. Es kam hinzu: Industrien, die sie aus Umweltgründen stillgelegt hatte, durften weiterarbeiten, Waldgebiete weiter gerodet, Hotels in Schutzgebieten weitergebaut werden – 26 Projekte insgesamt, gegen die Maneka Gandhi ihr Veto eingelegt hatte. Mit der grünen, der Umweltpolitik scheint es damit in Indien schon wieder zu Ende zu sein.

Indiens Ministerpräsident V.P. Singh freilich sind inzwischen offensichtlich Bedenken gekommen. Seit Tagen bittet er die aufgebrachte Jungpolitikerin, doch zu bleiben. Der Regierungschef weiß nur zu gut, wie wichtig es ist, daß sein bedrohtes Land, zum erstenmal, eine richtige Umweltpolitik betreibt. Nicht nur im Inneren hat Maneka Gandhi, mindestens so energisch wie einst ihre Schwiegermutter Indira Gandhi, für Bewegung gesorgt. Bei der Londoner Umweltkonferenz bewies die 33jährige kürzlich auf internationalem Parkett, daß sie mehr ist als die Alibifrau der neuen Regierung. Sie, die Witwe von Indira Gandhis Lieblingssohn Sanjay, von der Schwiegermutter nach dessen Flugzeugabsturz mit großem Eklat aus dem Haus geworfen, nach der Ermordung der Premierministerin von dem zweiten Indira-Sohn Rajiv erst einmal um jede Aussicht gebracht, die Nummer eins der Gandhis zu werden, führte zunächst ein zurückgezogenes Leben in der Opposition. Doch mit ihrem Sieg im vergangenen November bei den indischen Wahlen wurde Maneka Gandhi populärstes, aber auch umstrittenstes Mitglied des neuen Kabinetts.

Die internationale Delegiertenrunde der Londoner Konferenz konnte sich ein Bild davon machen, daß Indiens jüngste Ministerin weiß, was sie will. Sie hat großen Anteil daran, daß die Dritte Welt von den Industrienationen nicht einfach mit der Auflage nach Hause geschickt worden ist, Enthaltsamkeit bei der Produktion der ozonzerstörenden Fluorchlorkohlenwasserstoffe zu üben und Wachstumseinbußen hinzunehmen, nachdem sich die Erste Welt jahrzehntelang bedenkenlos bereichert hat. Die bloße Absichtserklärung der Entwickelten, den Unterentwickelten bestmögliche Technologie weitergeben zu wollen, genügte der jungen Inderin nicht: „Wir haben die Ozonschicht nicht zerstört, das haben Sie besorgt. Verlangen Sie also nicht, daß wir auch noch den Preis dafür bezahlen.“

Natürlich weiß auch Maneka Gandhi, daß es für die Ozonschicht „fünf vor zwölf“ ist und daß zu einem Zeitpunkt, wo 150 Millionen zum Mittelstand zählende Inder genügend Geld haben, sich Kühlschränke, Fernsehapparate, Sprays und teure Verpackungsmaterialien zu leisten, in Sachen FCKW etwas getan werden muß. Auch hält sie nichts von dem Schlagwort „Umweltkolonialismus“, mit dem man sich in der Dritten Welt gern gegen gutgemeinte Warnungen verwahrt, wenn die eigenen finanziellen Interessen berührt werden. „Bei uns denkt man immer: Die haben doch alle Rohstoffe aufgebraucht, die haben doch die Luft verpestet, die halten sich doch für wer weiß was und glauben, uns vorschreiben zu können, was wir tun sollen. Ich sehe das anders. Gerade weil sie so viele Fehler gemacht haben, können sie uns raten, diese Fehler nicht auch zu machen.“

Maneka Gandhi spricht schnell, scharfzüngig, ohne jede diplomatische Rücksicht. Sie sagt, was sie denkt. Das hat sie zum Liebling der Medien gemacht, aber auch zur Feindin vieler ihrer Kollegen. „Es gibt kaum jemanden in Delhi, mit dem sie sich nicht angelegt hat, auf dessen Zehen sie nicht herumgetreten ist“, sagt Khushwant Singh, der bekannteste Jounalist Indiens.