Kuwait, im Juli

Fast über Nacht waren sie aus Bagdad verschwunden, Tausende kuwaitischer Touristen, auf Besuch in der Hauptstadt des Irak, in deren Biergärten am Tigris der Alkohol anders als in der Heimat in Strömen fließt und ein vergleichsweise ausschweifendes Nachtleben angeboten wird. Sie brausten in ihren chromblitzenden Limousinen heim gen Süden. Selbst wenn sich nun nach zweiwöchiger Krise ranghohe Vertreter Kuwaits und Iraks in der westsaudischen Stadt Dschidda zu Versöhnungsgesprächen getroffen haben, sitzt den Kuwaitis weiter die Angst im Nacken. Sie wissen, daß Saddam Hussein, der ehrgeizbesessene Präsident ihres nördlichen Nachbarn, bombastischen Drohungen tatsächlich Bomben folgen läßt. Wenn er mit dem Säbel rasselt, ducken sich die Herren der Ölfelder.

Dabei nahmen sich Saddams jüngste Attacken gegen Kuwait zuerst geradezu lächerlich aus: In der Regierungszeitung Al-Joumhouriah war von einer „kuwaitischen Aggression gegen den Irak“ die Rede – eine groteske Verdrehung zwischen Wolf und Schaf. Denn der Irak hält ständig mehr Soldaten unter den Waffen, als Kuwait Staatsbürger zählt. Einer Million irakischer Krieger stehen lediglich 20 000 kuwaitische Wehrmänner gegenüber, das Zweistromland könnte zwanzigmal mehr Panzer an die Front werfen als das Ölemirat. Doch der irakische Außenminister Tarek Asis hieb unverdrossen in dieselbe Kerbe: Für 2,4 Milliarden Dollar habe Kuwait Öl aus dem Irak abgepumpt, also gestohlen. Für diese Verleumdung wurden keinerlei Beweise beigebracht. Dies fiele auch schwer, sind doch die Hoheitsrechte im ölreichen Grenzgebiet – trotz kuwaitischer Vorstöße einer gütlichen Regelung – umstritten. Schlimmer noch, Kuwait habe, so behauptet der Minister, im Rahmen einer „Verschwörung mit den amerikanischen Imperialisten“ den Ölpreis in den Keller sacken lassen, weil es mit anderen Scheichtümern am Golf seine von der Opec zugebilligte Förderquote massiv überschreitet.

Daß auch der Irak Gleiches in großem Ausmaß tut, verschwieg Saddam, als er drohte, es sei besser, Köpfe abzuschneiden, als seinem Volk die Lebensgrundlagen zu entziehen. „Wenn Worte die Irakis nicht schützen, muß etwas Handfestes erfolgen, um Ordnung zu schaffen“, setzte der Staatschef nach, der sich als direkter Abkömmling des Propheten Mohammed bezeichnet und sich in einer Reihe neben Babylons König Nebukadnezar und dem panarabischen Nationalisten aus Ägypten, Nasser, sieht. Um seinen markigen Worten Nachdruck zu verleihen, schickte er vergangene Woche zwei hochgerüstete Divisionen mit 30 000 Mann, Panzern und Luftlandetruppen an die Grenze zu Kuwait und weckte damit sogleich das Gespenst eines Ölkrieges mit fatalen Folgen für die Weltwirtschaft. Nach dem fürchterlichen Golfkrieg mit dem Iran werden – anders als die Kraftmeiereien des libyschen Revolutionsführers Ghaddafi – Saddam Husseins Drohungen zum Nennwert genommen.

Obschon Saddam selbst vor persönlichen Verunglimpfungen der kuwaitischen Machthaber nicht zurückschreckte, sah man im Scheichtum – der eigenen Schwäche peinlichst bewußt – keinen Anlaß, Mut zu demonstrieren. Kuwait fürchtet sich vor seinem „brüderlichen Freund“ im Norden. Niemals, mahnte zwar Emir Jaber al-Ahmed al-Sabah, ließen sich die Söhne Kuwaits erpressen. Seine Minister aber hieß er, versöhnliche Töne anzuschlagen. Und der kuwaitischen Presse, sonst eine der freiesten in der arabischen Welt, ist Zurückhaltung geboten, wenn es um gespannte Beziehungen zu den mächtigen Nachbarn, insbesondere zum Irak, geht – allein schon, um einer leicht auflodernden Panik im Volk vorzubeugen.

Dankbarkeit von Saddam Hussein für die milliardenschwere Unterstützung des Iraks im Golfkrieg und die Benutzung ihrer Häfen durften die Kuwaitis nie ernstlich erwarten. Wohl noch mehr enttäuscht hat sie aber der kaum spürbare Wille anderer arabischer Länder, ihnen in den Stunden der Bedrängnis beizuspringen. Saddams Kraftakt offenbarte vielmehr die Ohnmacht der arabischen Welt gegenüber einem rücksichtslosen Rambo, der nun sein Flammenschwert nicht länger einzig auf Perser, Israelis und den Westen, sondern erstmals auf arabische Brüder richtet Auch der Rat der Zusammenarbeit der Golfstaaten (GCC), der im wesentlichen die kollektive Sicherheit seiner Mitglieder anstrebt, erlaubte es nicht, gegen den mächtigen Herausforderer die Zähne zu fletschen. Den in die arabischen Hauptstädte ausströmenden kuwaitischen Sondergesandten schlug zwar allenthalben Sympathie entgegen. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak bot sich ebenso wie Jordaniens König Hussein oder der saudische König Fahd als Mittler an. Doch keiner wagte es, Saddam auch nur mit Worten in die Schranken zu weisen.

Der irakische Führer mag als größenwahnsinnig gelten; sein jüngste Coup gegen Kuwait war indes klug kalkuliert und erfolgreich inszeniert. Innenpolitisch lenkt er ab von den immer noch drückenden Kriegsfolgen, den Versorgungsengpässen und dem Unmut darüber, daß der angeblich „überwältigende Sieg“ gegen den Iran der Bevölkerung nur Nachteile bringt. Zweitens erhöht er Saddams Prestige zum richtigen Zeitpunkt: Er will sich nämlich in diesem Jahr vom Volk zum Präsidenten auf Lebenszeit küren lassen.