Verunsichert durch standige negative Berichte über den Zustand der Wirtschaft in der DDR, über immer neue Geldforderungen der Regierung in Ost-Berlin sowie durch die Meinungsverschiedenheiten über das Procedere bei den bevorstehenden gesamtdeutschen Wahlen, sehen gegenwartig weder In- noch Ausländer die Notwendigkeit, verstärkt deutsche Aktien zu erwerben Hinzu kommt, daß die Zinssenkung der vergangenen Woche ihren vorerst unteren Punkt erreicht zu haben scheint und die Gefahr wieder steigender Renditen wachst An dieser Einschätzung hat auch die gunstige Aufnahme der neuen Bundesanleihe mit einer Rendite von nur 8,42 Prozent kaum etwas verändert

Bemerkenswert an dieser Situation ist, daß sich das Aktienkursniveau trotz dieser vielen Bedenken relativ gut zu behaupten vermag Zu gut, meinen etliche Börsianer, denn sie sind der Ansicht, daß sich die Anlagetatigkeit erst nach einem kraftigen Rückschlag wieder beleben wurde Denn über eines besteht Einigkeit Die mittel- und langfristigen Aspekte sind für den deutschen Aktienmarkt nach wie vor gut Das zeigen auch die ersten von den Analysten angestellten Gewinnschatzungen für 1992, in denen von einem beschleunigten Wachstum der Ertrage ausgegangen wird

Diese Prognosen für 1992 haben denn auch in den vergangenen Tagen selektive Kaufe ausgelost Das gilt insbesondere für einige Stahlwerte, denn in dieser Branche wird wahrscheinlich im kommenden Jahr wieder besser verdient werden Dafür sorgen der dann beendete Lagerabbau und eine höhere Nachfrage aus dem Ostgeschaft Anregungen ergaben sich auch aus den kürzlich veröffentlichten Halbjahresberichten der Großbanken Überrascht waren die Börsianer von der gunstigen Entwicklung bei der Commerzbank, was sich entsprechend in ihrem Kurs niederschlug Dagegen blieb die Kursbewegung der Aktien der Dresdner Bank begrenzt Bei ihr war von vornherein ein ausgezeichnetes Ergebnis unterstellt worden

Im Meinungstreit der Borsenprofis liegt weiterhin Daimler Einerseits sind die Umstellungsschwierigkeiten des Konzerns zu berücksichtigen, die aus der weltweiten Abrüstung entstehen, andererseits scheinen aber positive Aspekte wie Sonderschichten und längere Lieferfristen im Pkw-Geschaft auf eine „Wende“ hinzudeuten Kurzfristig sorgte die für den September geplante Zulassung der Daimler-Aktie an der Tokioter Börse für Kursauftrieb, zumal das Gerücht kursierte, daß die Daimler-Aktie bis dahin noch „schongemacht“, das heißt auf einen Kurs von 900 Mark gebracht werden soll Der Dollar-Schwache als Negativ-Faktor im Exportgeschäft wird keine große Bedeutung beigemessen Wohl auch deshalb nicht, weil alle großen deutschen Konzerne ihre Wahrung abgesichert haben K W