Von Horst Vetten

Hier kommt Lebenshilfe für ratlose Oberammergauer Beherberger. Deren amerikanische Passionsgäste begegnen an Ort und Stelle zum erstenmal in ihrem Leben der Erfindung des weichgekochten Hühnereies. Folglich sind ihnen auch Eierbecher und Eierlöffel unbekannt. Für Hunderte Amerikaner beginnt deshalb der Tag im Ammertal regelmäßig mit einem Mißerfolgserlebnis. Schließlich hat noch nie – ganz im Ernst: noch nie – ein Mensch den Kampf gegen ein Vier-Minuten-Ei gewonnen, wenn er sich diesem Phänomen zum erstenmal konfrontiert sieht.

Machen Sie deshalb – mit diesem Ratschlag wenden wir uns an die Ammertaler Vermieter – Ihre Gäste mit den im Umgang mit einem weichgekochten Ei notwendigen Sicherheitsvorkehrungen vertraut. Raten Sie vom Gebrauch einer Gabel zum öffnen der Schale ab. Die ei-gentümliche Form des Objekts in Tateinheit mit der Beschaffenheit seiner Umhüllung sowie der besonderen Konsistenz des Inhaltes werden bewirken, daß das Ei in eine x-beliebige Richtung wegglitscht – vorzugsweise jedoch auf den Schoß des Nachbarn.

Geben Sie auch dem Messer, soweit es der stabilisierenden Wirkung eines Eierbechers entraten muß, eine schlechte Prognose. Weisen Sie darauf hin, daß das Hantieren mit untauglichem Werkzeug am Vier-Minuten-Ei selbst in den friedlichsten Reisegruppen schon Mißstimmung erzeugt hat. Fügen Sie verständnisvoll hinzu, daß jedermann, der Eier bisher nur in gebratener oder gerührter Form kannte, das Weichei beim allererstenmal als fremdartige, schlabbrige Sensation erleben wird.

Führen Sie anschließend den Gebrauch des Eierbechers vor. Setzen Sie das Ei hinein, und zwar mit der Spitze nach oben. Begründen Sie das Verfahren. Erklären Sie Ihren ahnungslosen Gästen, daß unter zivilisierten Mitteleuropäern seit Menschengedenken ein Religionskrieg darüber tobt, ob die Spitze des Eis – mit dem Messer – geköpft oder – mit einem Löffelchen, möglichst aus Perlmutt – aufgepocht wird. Demonstrieren Sie sodann, je nachdem, welcher der beiden Religionen Sie angehören, mit dem Messer oder dem Löffelchen die Methode, wie der Mensch in das Ei eindringt, ohne zu spritzen, zu kleckern, zu schmieren oder sonstwie zu sauen.

Salzen, pfeffern, fertig! An dieser Stelle der Vorführung dürfen Sie mit starkem Beifall rechnen.

Lassen Sie sich nicht irritieren von rührend höflichen Gästen, die unerschütterlich ihre Pampe aus zermalmten und zerquetschten Vier-Minuten-Eiern mampfen, die sich innig vermengt hat mit Schalentrümmern, Marmelade, Butter, Wurst- und Käseresten. Glauben Sie ihnen nicht, wenn sie mit vollem Munde beteuern, hier schmecke das Frühstück like home. Die Leute sind entweder nett und lieb von Haus aus, oder sie genieren sich, daß sie dieser Art von Eiern der alten Welt noch nicht begegnet sind, wo doch sowieso schon alles ein bißchen kultureller tut als daheim in Dakota oder Texas.

Die Oberammergauer Weichei-Krise hat nach fünfzig Aufführungen der Passionsspiele gerade Halbzeit gehabt. Unsere Instruktionen sollen helfen, den Kulturaustausch zwischen der alten und der neuen Welt für die zweite Hälfte zu verstärken. Noch muß zwei Monate lang von Amerikanern jeden Tag deutsches Weichei gefrühstückt werden. Wo man aber unsere guten Ratschläge für albern hält oder sonstwie mißversteht, raten wir zur Radikallösung: Rührei.