Finanzminister Theo Waigel hatte noch einmal Glück: Seinen jüngsten Jumbokredit in Höhe von acht Milliarden Mark konnte er gerade noch vor Saddam Husseins Einmarsch in Kuwait am Kapitalmarkt aufnehmen. Hätte er zwei Tage länger gewartet, müßte er jährlich über zwanzig Millionen Mark mehr Zinsen zahlen. Seit Ausbruch der Kuwait-Krise ziehen die Zinsen deutlich an, in der Bundesrepublik ebenso wie in Japan und den Vereinigten Staaten. Hinter diesen Zinssteigerungen steckt die Befürchtung, daß die hohen Ölpreise die Inflation anheizen und die Notenbanken zu einer strafferen Geldpolitik zwingen. Dabei kommt den Industriestaaten, allen voran den USA, derzeit nichts ungelegener als noch höhere Zinsen (siehe auch Seite 18 und 19).

Amerikas Wachstumsraten sind in den vergangenen Monaten so geschrumpft, daß die Zentralbank nahe daran war, gegen ein Tabu zu verstoßen: Trotz wachsender Inflation sollten die Zinsen – wenn auch nur leicht – gesenkt werden, um die drohende Rezession abzuwehren. Auch Japan, das besonders stark von Öllieferungen aus dem Nahen Osten abhängt, könnte durch die höheren Olpreise einen kräftigen Schub bei der Inflation bekommen und gezwungen sein, die Zinsen kräftig anzuheben. Doch hohe Zinsen lähmen die Konjunktur und sind eine erste Gefahr für Japans Aktien, deren Kurse trotz der jüngsten Verluste noch immer als völlig überzogen gelten. Mit den Gewinnen der Aktiengesellschaften im fernöstlichen Inselreich sind sie jedenfalls überhaupt nicht zu rechtfertigen.

Während die Vereinigten Staaten und Japan unter den steigenden Zinsen stöhnen, trifft Husseins Schlag die Europäer, insbesondere die Deutschen, nicht ganz so hart. Zwar bleiben auch sie von den Zinserhöhungen nicht verschont, aber ihr Wachstum ist robust, und im Wettstreit um internationales Investitions- und Anlagekapital haben sie die besten Karten. Der europäische Binnenmarkt beflügelt die Phantasie der Investoren ebenso wie die marktwirtschaftliche Öffnung Osteuropas. Nicht ohne Grund waren es gerade die europäischen Aktienbörsen, die sich besonders schnell von der Kuwait-Baisse erholten. Banken, Versicherungen, Rentenkassen und Millionäre, die früher ihr Geld blind den Amerikanern gaben, haben ihr Vertrauen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten verloren und gehen nach Europa.

Nirgendwo zeigt sich das besser als beim Dollarkurs, der gegenüber der D-Mark immer mehr an Wert einbüßt. Und obwohl er so billig ist wie niemals zuvor, gilt er nicht als unterbewertet. Vielmehr drückt sein neues Niveau die veränderten wirtschaftlichen Machtverhältnisse auf dem Globus aus. Noch ist Europa zwar nicht die Führungsmacht – und auch Deutschland nicht. Aber Europa hat gegenüber den Vereinigten Staaten mächtig aufgeholt.

Die Milliardensummen, die auf den internationalen Kapitalmärkten kursieren, gehen dorthin, wo bei kleinstem Risiko die größten Gewinne winken – nicht etwa dorthin, wo Geld am nötigsten gebraucht wird. Jahrelang haben die Vereinigten Staaten von diesem Prinzip, das „freier Markt“ genannt wird, sehr gut gelebt. Jetzt haben sie das Nachsehen, weil Europa von ihnen gelernt hat.

Amerika dürfte für seinen Verlust an Attraktivität noch teuer bezahlen müssen. Das Land benötigt dringend ausländisches Geld, um den riesigen Berg öffentlicher und privater Schulden zu finanzieren. Der etwas lockeren Zinspolitik, mit der die Amerikaner vor dem Kuwait-Konflikt liebäugelten, waren von vorneherein enge Grenzen gesetzt. Solange sich mit Anleihen in stabiler D-Mark saftige Zinsgewinne erzielen lassen, müssen auch Dollar-Anleihen attraktive Renditen bieten. Die Vereinigten Staaten saßen deshalb auch schon vor Husseins Invasion in der Zinsfalle: Einerseits brauchen sie niedrigere Zinsen, um eine Wirtschaftskrise zu verhindern, und andererseits brauchen sie hohe Zinsen, um ein Schuldendesaster zu vermeiden. Udo Perina