Die eine Meldung kommt aus dem südenglischen Glyndebourne und bestätigt uns jetzt, was zuvor muffig-dunstig aus der Gerüchteküche über den Kanal gedrungen war: Der Regisseur Sir Peter Hall CBE, seit 1984 „Artistic Director“ der dortigen „Festival Opera“, wird zurücktreten. Er zieht damit, verärgert, Konsequenzen: Er hatte nicht – oder zu spät – erfahren, daß Peter Sellars für seine diesjährige Neuinszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ sämtliche Dialoge streichen werde. Hinter vorgehaltener Hand war allerdings schon bei der Premiere (Ende Mai) geflüstert worden, daß die Festival-Leitung dem vor etlichen Jahren noch verdienstvoll kreativen Inszenierungsstil, der aus allerhand Raum- und Finanz-Nöten bemerkenswerte Tugenden gemacht hatte, seinen unter Hall doch beträchtlich länger gewordenen Traditionszopf abschneiden und das Festival „innovativer“ machen möchte.

Die zweite Meldung kommt gut tausend Meter Luftlinie aus der Hamburgischen Staatsoper zu uns und macht jetzt öffentlich, was in den heil’gen Hallen seit einem Vierteljahr feststeht: Die für die Spielzeit 1990/91 geplante deutsche Erstaufführung einer Oper aus Karlheinz Stockhausens „LICHT“-Zyklus wurde ersatzlos gestrichen. Freilich enthält die Meldung einen kleinen Schönheitsfehler: Staatsopernintendant Peter Ruzicka versucht wider besseres Wissen, die Schuld dem Komponisten in die Schuhe zu schieben, indem er die Nachricht lanciert, der Komponist habe „sehr spät“ dreieinhalb Monate Probenzeit verlangt und die Zusicherung, daß die beteiligten Künstler derweil durch keine anderen Verpflichtungen beansprucht werden.

Natürlich braucht auch Karlheinz Stockhausen seine Vorbereitungszeit, das wird selbst der Intendant geahnt haben. Die wesentlichen Proben freilich hätten gar nicht an der Dammtorstraße, sondern an anderen Orten stattgefunden, und die Solisten für ein Stockhausen-Stück sind so speziell gefordert, daß keine Überschneidungen zu befürchten sind: Sie hatten die Periode März bis Mai 1991 reserviert (und stehen jetzt im Regen).

Als das Direktionsteam Peter Ruzicka/Gerd Albrecht der Öffentlichkeit das Programm seiner ersten drei Spielzeiten präsentierte, war noch von der Deutschen Erstaufführung des „Donnerstag aus LICHT“ (Uraufführung Mailand März 1981) die Rede. Als im Mai 1988 in Mailand der „Montag“ (in dem kein Orchester benötigt wird) herauskam, disponierte der Hamburger Intendant um und kündigte die Übernahme dieser Mailänder Produktion an. Schon damals geäußerte Einwände, daß dies ja wohl illusorisch sei – die nie wieder gespielte Einstudierung müßte neu erarbeitet werden, die „Mailänder“ Knaben sind inzwischen mutiert, aus den Mädchen des Budapester Kinderchores längst junge Damen geworden –, wurden als peripher vom Tisch gefegt.

Der eigentliche Verhinderungsgrund: Gerd Albrecht möchte mit dem Regisseur Robert Wilson Richard Wagners „Parsifal“ machen, eine gewiß spektakulärere und publicityträchtigere Angelegenheit – deren Probenarbeit freilich wirklich an die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Hamburger Hauses gehen wird, das außerdem eine Reparaturphase der Bühnentechnik verkraften, aber auch sein Einspielsoll erreichen muß.

Nun wird also der zweifellos wichtigste deutsche Komponist der Nachkriegszeit weiterhin auf eine szenische Aufführung auch nur eines Teils von seinem seit zwölf Jahren (konzertante Uraufführung der ersten Szene: 21. Oktober 1978) entstehenden „LICHT“-Zyklus in Deutschland warten müssen. Ästhetische Vorbehalte sind eines – nicht jeder wird Karlheinz Stockhausens gläubige Universums-Mystik zu seinem Evangelium machen wollen oder müssen. Aber die moralische Verpflichtung unserer von der öffentlichen Hand getragenen Opernhäuser ist ein anderes. Diese sind alle, lang durch die Bank, ihre Subventionen nicht wert, wenn ihre Verantwortlichen ihr splendides Museum so recht wie schlecht über die Runden bringen, mehr dem eigenen Ruhm zu Nutz und Frommen, aber für die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer europäisch-abendländischen Musik- und Theaterkultur kein zu konkreten Ergebnissen führendes Engagement zeigen – weil sie in Wahrheit gar nicht daran interessiert sind. Zwischen Flensburg und München, Aachen und Berlin müßte eigentlich mancher – wie Sir Peter Hall – die Konsequenzen ziehen.

Heinz Josef Herbort