ZDF, Mittwoch, 1. August: „Die religiöse Invasion in der DDR“; ARD, Freitag, 3. August: „Abtreibung im schrankenlosen Deutschland“

Polen ist offen“, aber de DDR auch, und die liegt näher. So fallen wir ein: als Gebrauchtwagenhändler. Touristen und Wahlkämpfer. Die Unternehmer zögern noch, aber die besten Standorte kaufen sie erst mal weg. Und schließlich kommen die Gottesmänner. Einen lohnenden Acker gibt’s zu bestellen: Vierzig Jahre Atheismus haben einen latenten Bedarf geschürt.

Es sieht fast so aus, als wolle in der DDR eine multireligiöse Gesellschaft nach amerikanischem Muser Wirklichkeit werden, so vielfältig ist das Angebot auf dem Markt der spirituellen Mächte. Die Pfingstler-Gemeinde wetteifert mit den Scientologists, der Hare-Krishna-Kult mit der Philadelphia-Gemeinde, der Geistheiler mit den Anthroposophen, und der Sekten-Berater der evangelischen Kirche kann gar nichts dagegen tun. Sollte er auch nicht, denn nach so langem Leiden unterm Monopol auf das Heil haben die Bewohner der DDR ein Recht auf „Freizügigkeit in religiösen Dingen“. Es gibt keinen überzeugenderen Einspruch gegen den Monotheismus und die Arroganz der großen Kirchen als die vielen kleinen Kulte, die alle auf ihre Art dasselbe versprechen: Erleuchtung, Seelenfrieden, Auferstehung. Wenn schon, denn schon.

Ruth Angelis beleuchtete den Jahrmarkt der Erlöser mit Sinn für das Absurde einer Konkurrenz in letzten Dingen. Sie zeigte nur und ließ die Menschenfischer-Bilder sich selber kommentieren. Die DDRler stehen verwundert rum und probieren’s mal hier, mal dort aus. Doch es sind einige unter ihnen, die sich trotz Diktatur auf die Höhe der Geschichte gestohlen haben. Eine junge S-Bahn-Fahrerin: „Ich habe an und für sich kein Bedürfnis nach Religion.“

Ein um so heftigeres Bedürfnis verspüren die großen Kirchen nach den Seelen der jüngst Befreiten. Da bietet die anstehende Einigung in der Abtreibungsfrage das Einfallstor. Hat man doch wohl drüben den Abort als Verhütung benutzt und sich durch Verzicht auf Beratung eines „ethischen Abschiebens“ und einer „Verharmlosung des Konfliktfalls“ schuldig gemacht. Jetzt, wo sie endlich können, wie sie wollen, schlagen Kirchen, Pfarrer und hilfswütige Laien mit ihrer „Verantwortung“ zu, daß die Ungläubigen sich nach der Mauer sehnen dürften. Der pathetische Jargon vom „Leben“, zu dem man „ja“ sage (und zwar „verstärkt“) und um dessentwillen man berät, ermutigt und Initiativen gründet, gewinnt auch in der DDR an Boden, und die Kirchen und die CSU tun alles, um mit ihrem Fundamentalismus, der um kein Jota vertretbarer ist als jener der SED, eine der wenigen humanen, liberalen Errungenschaften schlechtzumachen, welche die DDR dann doch vorweisen kann: die Fristenlösung. Der verhuschte, kurzatmige Film: „Abtreibung im schrankenlosen Deutschland“, den Angelica Heinrich-Ponnath präsentierte, verzichtete auf eine klare Stimme, die sich mit guten Gründen für die DDR-Regelung ausgesprochen hätte, und ließ statt dessen einen Chor von Moralaposteln labern. Die Gründe, die eine Frau gegen die Mutterschaft entscheiden lassen, haben erst in dritter Linie mit Wohnungsnot oder dergleichen zu tun. Sie spielen in schwer objektivierbaren Zonen der Psyche und gehen – auch in der DDR – niemand etwas an. Am wenigsten die Gottesmänner. Barbara Sichtermann