Von Reinhold Rombach

Zwei Fragen interessieren derzeit die Börsianer brennend: Wie geht es weiter am Persischen Golf? Und wieviel kostet die deutsche Einheit wirklich? Antworten hat niemand parat, entsprechend unsicher verhalten sich die Anleger. Zunächst wirbelte der Überfall des Irak auf Kuwait die Aktienmärkte kräftig durcheinander. Der Deutsche Aktienindex purzelte zum Wochenbeginn um glatte 100 Punkte, in den Vereinigten Staaten schloß der Dow Jones 93 Zähler tiefer, und auch an der Tokioter Börse rutschten die Kurse in den Keller. Doch am Dienstag war die Stimmung schon weit freundlicher, in Frankfurt zum Beispiel kletterten die Kurse wieder.

Die ungewisse Lage macht es auch den Teilnehmern am Börsenspiel schwer. Für Tim Schmiel von der Westfalenbank sieht es aber immer noch recht gut aus, denn zum Bewertungsstichtag am vergangenen Donnerstag notierte sein Depot mit einem Plus von 28,96 Prozent außerhalb jeder Gefahr. Allerdings traf der Düsseldorfer Aktienprofi auch Vorsorge, um diesen Gewinn so gut es geht über die Runden zu retten. Bereits Anfang des Monats traute er den optimistischen Prognosen für den deutschen Aktienmarkt nicht mehr so recht und hätte am liebsten möglichst viel Geld als Kasse geparkt. Da aber laut Reglement nur zwanzig Prozent des aktuellen Vermögens als Bargeld gehalten werden dürfen, verkaufte er lediglich seine Aktien der Allianz Leben mit einem Gewinn von 3684 Mark. Mehr als die Hälfte des Erlöses steckte Tim Schmiel in die Kasse und erwarb für den Rest Aktien der niederländischen Transportfirma Nedlloyd. Dieser clevere Coup sollte wohl auch dazu dienen, den schärfsten Konkurrenten auf Distanz zu halten, denn Bernd Gehler von der Deutschen Bank kaufte Nedlloyd-Aktien auf deutlich höherem Niveau. Solange beide diesen Wert im Depot halten – so Schmiels Überlegung bleibt es ungefähr beim alten Abstand, egal ob die Kurse steigen oder fallen.

Bernd Gehler von der Deutschen Bank in Frankfurt kann sich zwar immer noch über ein ordentliches Plus von zehn Prozent freuen. Auch für ihn war erste Investorenpflicht, so viel Kasse als möglich zu halten. Dafür nahm er sogar mit dem Verkauf der Covered Warrants auf Deutsche Bank einen herben Verlust von 10,84 Prozent in Kauf. Den Erlös von 38 595 Mark steckte Gehler zum großen Teil in die Kasse, und für die übrigen 15 595 Mark kaufte er MCS. Seiner Meinung nach ist MCS – Modulare Computer und Software AG – auf dem Weg in die Gewinnzone. Nach eigenen Angaben verfügt das Unternehmen bei Laborsystemen für Arztpraxen über einen Marktanteil von gut zwei Dritteln. Allerdings ging die Beteiligung an der Medibase im Jahre 1987 schief, und auch der Versuch, eine gemeinsame überregionale Datenbank aufzubauen, schlug im vergangenen Jahr fehl. Die Folgen: Ein Jahresfehlbetrag von 0,8 Millionen Mark und Wegfall der Dividende. Mittlerweile ist man bei MCS klüger geworden und konzentriert sich wieder auf die klassische Produktpalette. Der Vertrieb der Praxiscomputer soll durch maßgeschneiderte Leasing- und Mietverträge zusätzlich stimuliert werden. Auch die verbesserten Geschäftsaussichten in der DDR dürften dafür sorgen, daß MCS nach dem vergangenen Schwächeanfall bald wieder Tritt fassen wird.

Zum Monatsende gab Bernd Gehler sein Investment in Linotype auf, gelohnt hat es sich allerdings nicht; 408 Mark sind ein äußerst spärlicher Gewinn. Besser soll sich dagegen die Neuerwerbung Sixt-Optionsscheine 90/94 rentieren. Der Münchner Autovermieter Sixt gilt in der Branche seit einigen Jahren als innovativster Anbieter, dem die guten Ideen zum Schrecken der Konkurrenz nicht ausgehen. Neben der klassischen Pkw- und Lkw-Vermietung sind auch Motorräder und Flugzeuge im Programm. Seit Jahren übertrifft die Geschäftsentwicklung deutlich den Branchendurchschnitt, und bei der Deutschen Bank erwartet man auch für die Zukunft ähnliche Zuwächse in der Größenordnung von etwa zwanzig Prozent. Besonders in das DDR-Geschäft will Erich Sixt ganz groß einsteigen; er plant den Aufbau von vierzig Vermietstationen. Außerdem hofft das Münchner Unternehmen auf die kommende Liberalisierung des Luftverkehrs. Die voraussichtlich sinkenden Flugpreise werden Geschäftsreisen attraktiver machen, und das wiederum dürfte die Sixt-Mietwagenumsätze nach oben treiben. Das hört sich gut an, fraglich ist bloß, ob der aktuelle Kurs nicht schon einen Teil dieser Phantasie vorweggenommen hat. Schatten könnte über der Sixt-Aktie aufziehen, wenn der ADAC seine Ankündigung wahr macht, auch ins lukrative Vermietgeschäft einsteigen zu wollen.

Die zunächst abwärts gerichtete Entwicklung der Weltbörsen traf zweifellos Michael Ottens von der Schweizerischen Bankgesellschaft am härtesten. Der Anlagestratege, dessen Depot mit einem Stichtagsverlust von 21,51 Prozent bereits als havarieverdächtig gilt, muß angesichts der Turbulenzen noch Schlimmeres befürchten – Verluste von dreißig Prozent und mehr. Jetzt rächt sich in fataler Weise der sorglose Umgang mit hochspekulativen Werten wie Optionsscheinen und Covered Warrants, die in solchen Börsenphasen naturgemäß leicht in den freien Fall übergehen. Das will aber nicht heißen, daß nur der Schweizer diesen argen Spekulationsgelüsten zum Opfer gefallen ist. Aber im Gegensatz zu seinen Konkurrenten hat Michael Ottens halt den rechtzeitigen Ausstieg nicht geschafft. Wenn überhaupt, hat er derzeit nur die Chance, mit seinen Singapur-Aktien van der Horst Boden gutzumachen. Sollte es beim jetzigen Ölpreisniveau bleiben, werden Ölexplorationsunternehmen wie van der Horst zu den Börsengewinnern der nächsten zwölf Monate zählen.

„Die derzeitige Lage an den Börsen ist psychologisch bedingt und auf dieser Kursbasis ändere ich ganz bestimmt nichts“, macht sich denn Michael Ottens selbst Mut auf bessere Zeiten. Der jüngste Kursverfall sei überzogen, und politische Börsen hätten kurze Beine; eine echte Ölkrise mit negativen Auswirkungen auf die Volkswirtschaften gebe es wohl nicht. „Wenn sich die Märkte wieder beruhigen, und daran glaube ich, dann ist auch das Erholungspotential groß“, meint der Schweizer Banker zuversichtlich. Tatsächlich gab es denn auch am Dienstag erste Anzeichen dafür, daß die Börse wieder auf die Beine kommt.