Tausende von Bahnreisenden mußten in den letzten zwei Monaten tagelang auf ihr Gepäck warten. Der Grund für die Verspätungen: das neue Transportbeförderungssystem GEP.

Vier Wochen lang wollte sich Mechthild G. so richtig erholen. Doch der Kuraufenthalt im Harzstädtchen Bad Lauterberg begann völlig anders als erwartet: Statt Ausspannen nichts als Ärger. Für die böse Überraschung hatte die Deutsche Bundesbahn gesorgt, die den Koffer erst mit zehntägiger Verspätung zustellte. „Ich stand ohne alles da. Ich hatte nur das, was ich am Leib trug.“

Wie Frau G. erging es vielen Reisenden, die in den vergangenen zwei Monaten ihren Koffer aufgegeben hatten. Tausende mußten tagelang auf ihr Gepäck warten, wurden von hektischen Bahnbeamten von einem Tag auf den nächsten vertröstet, während’sich derweil anderswo die Stücke stapelten. Grund für das Chaos: das neue Transportsystem Gepäck-, Expressgut- und Postbeförderung, kurz GEP.

Mit Beginn des Sommerfahrplans am 27. Mai hatte die Bahn das neue Beförderungssystem eingeführt. In großen Lettern warb sie für die „Über-Nacht-Beförderung“, die es Bahnreisenden erlauben soll, ihr Gepäck bereits einen Tag nach der Abgabe, genauer „in den Vormittagsstunden des nächsten Tages“, am Zielort abzuholen. Einzige Bedingung: Die Sendung muß je nach Bahnhof zwischen 15 und 19 Uhr und auf jeden Fall vor Freitagnacht abgegeben werden. Denn über das Wochenende funktioniert die Zustellung nicht. Während vor der Umstellung Koffer auch am Wochenende tagsüber in einfachen Gepäckwagen befördert wurden, ruht neuerdings zwischen Samstag und Montag der Verkehr. Wer den Annahmeschluß verpaßt hat, kann bis Dienstag auf sein Gepäck warten.

„Wir haben GEP eingeführt, um die Reisezeiten möglichst gering zu halten“, verteidigt Klaus Wagner von der Bundesbahnzentrale in Mainz das neue System. „Es war einfach nicht länger möglich, Ferienreisezüge für die Gepäckbe- und entladung unnötig lange aufzuhalten. Deshalb haben wir beschlossen, Reisegepäck nur noch nachts zu transportieren.“

Spezielle Frachtzüge rollen seitdem zu den neu geschaffenen 34 Knotenpunkten in ganz Deutschland. Von dort wird das Gepäck per Lastwagen zu den 1500 Ab- und Ausgabestellen der Bahn befördert. Hochleistungssortieranlagen ähnlich wie jene an Flughäfen sorgen dafür, daß das Reisegepäck in eigens hergestellte Rollbehälter geladen wird, die nur noch in die Züge geschoben werden müssen. Doch statt der 9500 bestellten Behälter waren bei Umstellungsbeginn Ende Mai nur 1200 geliefert worden.

Von Hand mußten Bahnbedienstete teils in Sonderschichten die Koffer ein- und ausladen. An neuralgischen Punkten wie München oder Köln, wo teilweise 10 000 Gepäckstücke und mehr täglich versandt werden, wuchsen die Kofferhalden zu riesigen Bergen. Auch eilig hinzugezogenes Hilfspersonal konnte das Schlimmste nicht verhindern: Massenweise Verspätungen – bis zu vierzehn Tagen – waren die Folge. „Wir erhielten jede Menge empörter Anrufe“, sagt Helmut Schwaiger von der Münchener Bahndirektion, „dafür haben wir vollstes Verständnis.“