Abende), vielleicht auch an Informationen (zu viele stumme Zeugen) "

Einen Spalt des Kleiderschrankes öffnen Robert Kühn und Bernd Kreutz, indem sie die Kulturgeschichte eines Kleidungsstücks, nämlich des Matrosenanzugs, vorstellen. Mit ihm ist der Zeitgeist vor allem des 19. Jahrhunderts eingekleidet gewesen "Er war Turnerkleid und patriotischer Gesinnungsausweis, Identifikationsobjekt mit dem Heldentum der blauen Jungs, textiler Ausdruck einer neuen großen Freiheit und nicht zuletzt Vorbild für die Marinemode der Erwachsenen Was vor allem den Chauvinismus der wilhelminischen Weltmachtsträume demonstrierte, fing ganz vernünftig an: als Forderung der Aufklärung nämlich, eine kindgerechte Kleidung zu schaffen, in einer Zeit, in der die Mode eine deformierende Schnürbrust verlangte und die Kinder, zumindest der Oberschicht, grundsätzlich als kleine Erwachsene verkleidet wurden. Zwei Königskinder prägten die Matrosenmode, die zur imperialistischen Ideologie wurde: Kronprinz Edward, Sohn der Königin Victoria und ihres deutschen Prinzgemahls Albert von Sachsen Coburg, den man fünfjährig an Bord der elterlichen Jacht in einen original maßgeschneiderten Matrosenanzug im Stil der Ausgeh Uniform der Royal Navy steckte und dann von F X. Winterhalter (1846) malen ließ. Der Matrosendreß blieb zunächst, fünfzehn Jahre lang, exklusiv höfischen Kreisen vorbehalten; Anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts kam er unters Volk und wurde als Kleidungsstück von bürgerlichen Kreisen anerkannt und genutzt. Dann gab man das als Inselschatz gehütete Matrosenkostüm zum Export frei. Der kleine Preußenprinz Wilhelm von Hohenzollern, der spätere Wilhelm II, wurde als Träger auserwählt. Eine Photographie aus dem Jahre 1862 zeigte ihn im Matrosenanzug, den er von Königin Victoria, seiner Großmutter, erhalten hatte; Deutschland mußte dann dafür teuer bezahlen "Vielleicht war dieses Geschenk von Queen Victoria der Auslöser für die geradezu pathologisch zu nennende Marinephilie des späteren Kaisers, die nicht nur ein halbes Volksvermögen, sondern auch eine Vielzahl von Menschenleben kosten sollte "

Die einzelnen Kapitel des mit aufschlußreichen Photos, Bildern und Graphiken versehenen Bandes behandeln unter anderem die Marinepassion des Wilhelminischen Kaiserreiches, die Rolle des Matrosenanzuges im Film, die Marinemode in der Literatur, berühmte Deutsche im Marinelook und die Marinemode des Jahres 1990; denn diese hat die Weltkatastrophen überstanden. Die Zeitschrift "Sehr edel, sehr gepflegt war der erste Modeeindruck von der Florentiner Messe vom 24 bis 26. Juni 1989, auf der Kindermode für FrühjahrSommer 1990 von 230 Ausstellern gezeigt wurde. Nummer eins der Modethemen war der MarineLook "

Wilhelm Bleyle hat also viele Nachfolger gefunden. Der schwäbische Unternehmer nämlich war es, "der dem vormals hochadelig elitären, dann flottenbegeistert patriotischen Kleidungsstück erst das Aristokratisch Versnobte, dann das Hanseatisch Nordische, dann das Großbürgerlich Sonntagsstaatliche und schließlich das DeutschnationalMonarchistische genommen hat. Man kann sagen: Wilhelm Bleyle hat den Matrosenanzug erst so richtig eingebürgert: Er hat ihn demokratisiert " Seitdem war das Motto: "Wir tragen Bleyle" Lust und Last vieler Kindergenerationen. Daß das blaue Einfärben des Matrosenanzuges (aus Strickstoff) praktisch von einem Tag auf den anderen sich enorm verbilligte, war der Badischen Anilin& Sodafabrik AG zu danken, die mit dem industriell gefertigten synthetischen Indigo einen neuen König der Blaumacher 1897 auf den Markt brachte.

Von den drei hier vorgestellten Büchern macht die "Geschichte des Matrosenanzugs" (mit 105, teils farbigen Abbildungen) am besten deutlich, daß man auch am begrenzten Gegenstand auf umfassende und vieldimensionale Weise kulturelle, gesellschaftliche und geschichtliche Wirklichkeit erkunden und darstellen kann.

H Leon MouLiti:

Augenlust und Tafelfreuden Eine Kulturgeschichte vom Essen und Trinken in Europa; Zabert Sandmann Verlag, Sieinhagen 1989: 422 S, 198 - DM Pascal Dibie: