Von Ursula Bode

Der Georgengarten in Hannover zeigt vor allem in Sommerzeiten Bilder einer trügerischen Idylle. Das weite Areal vom Typus eines englischen Landschaftsparks ist stets offen für jedermann, freundlichen wie aggressiven Benutzern gleichermaßen ausgeliefert. Trampelpfade und abgenutzte Wiesen zeugen von deren Beliebtheit; das dem „Genius Leibnitii“ gewidmete klassizistische Philosophen-Tempelchen wird immer mal wieder von Schmierereien befreit. Zeitgenössische Plastik, gegenwärtig mit 35 großzügig verteilten Arbeiten in den Park einbezogen, ist da weitaus gefährdeter.

Im Kopf des kunstkundigen Spaziergängers sollen sich die Objekte zu einer Ausstellung zusammenfügen – zu einer Übersicht über „Plastik im Außenraum der Bundesrepublik“ mit der Schlagzeile „Bis jetzt...“ Doch an einem schönen Sommertag wird die angestrebte Bilanz zur Staffage. Die einigende Kraft von Baumkulisse, Joggern und Sonnenanbetern verharmlost die stählernen und steinernen Abstraktionen mehr, als ihnen guttut. Der im Katalogvorwort bemühte soziale Anspruch verkümmert inmitten all der Freizeitmenschen. Leider wurde darüber hinaus das nicht minder gern benutzte Schlagwort von der „Kunst als Ereignisfeld“ im Georgengarten sehr schnell zur bitteren Realität: Bald nach ihrer Aufstellung war rund die Hälfte der Objekte demoliert und mußte restauriert werden.

Lothar Romain, dem Initiator und Leiter des Skulpturen-Unternehmens, schwebte ein „Längsschnitt durch die Geschichte der Außenplastik“ vor: Unter Aussparung realistischer Werke versammelte er bundesdeutsche, für urbane Räume gedachte Arbeiten dreier Generationen von Bildhauern (und unversehens wurde daraus ein Fazit in historischer Zeit): von Hans Uhlmanns „Mahnmal zum Gedächtnis des Widerstands im Dritten Reich“ (1960) und Günter Ueckers „Nageltisch“ (1968) über Erwin Heerichs Aluminium-Tor von 1976 bis zu aktuellen Arbeiten von Thomas Virnich oder Ludger Gerdes. Reiner Ruthenbecks „Sieben schwarze Schranken“ (1977, für die Bundesgartenschau in Stuttgart entstanden) werfen jetzt ihre Schatten auf die Herrenhäuser Allee – und sie gehören zu den Arbeiten, die man gern dabehalten würde. Es sind im übrigen sehr wenige, die diese Reaktion hervorrufen, und das ist nicht einmal erstaunlich. Städtische Grünzonen haben ihre eigenen trivialen Gesetze. Skulpturen, die für bestimmte Plätze konzipiert wurden, besitzen andere. Und ein Georgengarten ist kein jeden Besucher verzaubernder Schonraum der Kunst wie die Museumsinsel Hombroich.

Vor zwanzig Jahren ging Martin Neuffer, der damalige, kunstfreudige Oberstadtdirektor Hannovers, zusammen mit dem Kunstvereinsleiter Manfred de la Motte und einer Handvoll Unerschrockener daran, „Kunst in die Stadt zu pflanzen wie Bäume“. Das auf mehrere Jahre angelegte, von Bürgerprotest und Parteiengezänk umtoste Straßenkunstprogramm wurde nach wenigen Jahren – zu schnell – ad acta gelegt und brachte Hannover doch einigen Glanz ein: Calders rotes Stabile am Maschsee (ein Geschenk des Mäzens Bernhard Sprengel) und Niki de Saint Phalles „Nana“-Gruppe am Leine-Ufer strahlen bis heute jene Weltoffenheit aus, für die sich die kommunale Kulturpolitik nur kurzfristig und zähneknirschend aktivieren ließ.

Romain ging jetzt anders vor: Er pflanzte die Kunst zu den Bäumen, und er blieb – was die Künstler betrifft – im Lande. Das wird manchem gefallen, der früher im Rathaus höhnte, es sei so einfach, sich aus den „Regalen des internationalen Kunsthandels zu bedienen“. Die freiwillige Beschränkung mag Politiker beruhigen; sie mag auch didaktisch richtig sein. Sonderlich spannend aber wirkt sie nicht. Liegt das nur an den Joggern? Oder an der deutschen Skulptur?

Die Ausstellung „Bis jetzt...“ aber ist nicht alles, was Hannover in diesem Sommer zu bieten hat. Sie ist Teil eines Unternehmens mit dem denkwürdigen Titel „Inspiration“. Was so deutlich nach Duftwasser klingt, ist ein von Sponsoren getragenes Kulturprogramm: Neben der Skulpturen-Schau und einem Musikfestival „RaumMusik-Raum“ findet in diesen Wochen auf dem Gelände der Hannover-Messe das „Sommeratelier“ statt – Arbeitsmöglichkeit für über 300 junge europäische Künstler aus „allen denkbaren Sparten der bildenden Kunst“; die Ergebnisse werden Ende August in einer Ausstellung zu sehen sein.